Lehrer und Facebook

In den letzten Wochen häufen sich im Netz Artikel zum Thema „Lehrer und Facebook“. Ein Blogartikel dazu von mir ist nicht unbedingt abwegig, da ich an unserer Schule sicher einer der Lehrer bin, die bei Facebook auffällig aktiv sind.

Die Artikel auf Spiegel Online und 4teachers (siehe unten) decken die wichtigen Aspekte des Themas ab: Ist es sinnvoll, dass Lehrer einen Kontakt, der sich rein beruflich definiert, für Privates öffnen? Gibt es besondere Modelle, denen Lehrer folgen sollten, etwa die strikte Trennung eines schulischen und eines privaten Accounts? Trainiert die Präsenz von Lehrern bei Facebook möglicherweise den verantwortlichen Umgang der Schüler mit dem sozialen Netzwerk?

Ja, nein und ja sind meine persönlichen Antworten, die ansonsten natürlich jeder Lehrer für sich selbst finden muss. Ich habe nur einen Facebook-Account, somit fallen private und schulische Kontakte zusammen. Beide Bereiche bestehen im Wesentlichen aus zwei Gruppen. Privat habe ich mehrheitlich Kontakte zu ehemaligen Schulfreunden, quasi wiedergefundene frühere Bekanntschaften. Aus meinem aktuellen persönlichen Bekanntenkreis gibt es nur wenig Kontakte bei Facebook. Das erkläre ich mir damit, dass meine Generation (Anfang 40) sich noch mehrheitlich skeptisch gegenüber Facebook verhält und dort kaum zu finden ist. Wäre ich Anfang 30, sähe das ganz anders aus, irgendwo dazwischen verläuft die Akzeptanzgrenze.

Schulische Kontakte teilen sich auf in jetzige und ehemalige Schüler. Die letztere Gruppe wird (logischerweise?) immer größer. Um mit seiner alten Schule einen losen Kontakt zu halten, den man bei Bedarf aktivieren/intensivieren kann, dafür scheint mir Facebook sehr geeignet. Und sicher ist es auch naheliegend, diesen Kontakt primär über den einen oder anderen Lehrer zu halten, den man positiv in Erinnerung hat. Bei den jetzigen Schülern scheinen sich mir ein paar Auffälligkeiten zu zeigen: Es gibt die jüngeren Schüler, die mit ihrem Interesse nicht hinterm Berg halten und Anfragen schicken. Es gibt die Oberstufenschüler, die den gleichen Kontakt, den man im Klassenraum und auf dem Flur hat, auch online führen wollen und damit kein Problem haben. Es gibt vermutlich die Schüler, die wie Veronika im Spiegel-Online-Artikel die Sache ganz nüchtern über den Kosten-Nutzen-Faktor definieren: „Wer weiß, wozu man den Kontakt mal braucht?!“ Es gibt die Schüler, die man kennt aber nicht im Unterricht hat und die genau aus diesem Grund den Kontakt herstellen: Man ist unverdächtig und entspannter, weil man ja nicht benotet wird. Es gibt vereinzelt männliche Mittelstufen-Schüler, die mal für ein paar Tage den Kontakt eingehen, wohl um zu schauen, „was der da so schreibt“ und sich dann wieder verabschieden.

Eines ist vielen gemeinsam: Meine Schüler-Kontakte zeichnen sich dadurch aus, bewusst und überlegt mit dem Netzwerk umzugehen. Kaum einer lässt mich wahllos alles mitlesen. Gut so. Da herrscht – zumindest bei unserer Schülerschaft – viel mehr Kompetenz und Know-how, als die Gesellschaft unseren Jugendlichen im öffentlichen Diskurs zutraut. Das ist in der Tat einer der Vorteile der Lehrerpräsenz in Facebook: Sie erzieht meines Erachtens zu kontrollierterem, überlegterem Posten und Freischalten von Beiträgen.

Das gilt übrigens für beide Seiten. Mich erzieht der „Account für alle“ auch dazu, gut zu überlegen, was ich poste. Zu Privates, Zweideutiges etc. bleibt außen vor, findet ausnahmsweise höchstens mal in geschlossenen (privaten) Gruppen statt. Aussagen über meine Schule und unsere Schüler verbiete ich mir auch in den meisten Fällen. Und deshalb sind über 90 % meiner Facebook-Einträge auch unterschiedslos für alle Kontakte zu lesen. Bislang fahre ich gut damit, auf entsprechende Voreinstellungen zu verzichten.

Was können Schüler also über mich erfahren? Meinungen und „schlaue“ Sprüche zu aktuellen Ereignissen, gelesenen Büchern, gesehenen Filmen, gehörter Musik. Mitlesen können Sie den Smalltalk zu den privaten Kontakten. Ich glaube, dass mir das nicht schadet, dass es auch den Schülern nicht schadet. Mein Facebook-Account definiert sich also in weiten Teilen über eine Kommunikation, die an der Oberfläche bleibt und punktuelle Einblicke in das bietet, was ich privat so mache und mag oder nicht mag. Genau das ist ohnehin die Stärke von Facebook.

Für skeptische Eltern habe ich nichtsdestotrotz Verständnis. Das grundsätzliche Vertrauen, das Eltern ohnehin aufbringen müssen, wenn sie ihre Kinder in der Schule abgeben, müssen sie mir mindestens auch im Internet entgegenbringen. Wenn nicht sogar noch mehr. Denn die Privatheit der Chat-Funktion ist sicherlich eine zusätzliche Problemquelle. Eltern sollten sich darauf verlassen können, dass wir Kollegen in diesem besonders sensiblen Bereich sachlich und verantwortlich handeln oder ihn, wie ich es versuche, nach Möglichkeit bei Schülern gar nicht nutzen. Pauschale Regelungen für Lehrer, wie sie z.B. hier propagiert werden, halte ich für keine Lösung der Probleme, die es in Einzelfällen wie etwa hier in England gibt.

In den Artikeln unten loben Lehrer mehrfach die Möglichkeit, via Facebook Schüler schneller und unkomplizierter erreichen zu können. Dies ist so richtig wie falsch. Ich kommuniziere auch gezielt mit bestimmten Schülern lieber über Facebook, genau aus den oben genannten Gründen. Wenn es aber um Infos für ganze Kurse oder Klassen geht, bleibe ich bei den E-Mails. Ich habe, glaube ich, keine Lerngruppe, die komplett bei Facebook zu finden ist, und Werbung für Facebook machen bzw. die Notwendigkeit, da dabei sein zu müssen, erhöhen, das möchte ich nicht.

Hier noch mal eine Linksammlung zum Thema:

  • Spiegel Online, Mai 2012: Über mögliche Regelungen von Schulen für ihre Lehrer, mit Frau Johannpeter und ihrer Schülerin Veronika aus Hamm, beide zurzeit die prominenten Ansprechpartner zum Thema
  • Spiegel Online, Oktober 2011: Pöbelnde englische Lehrer lästern über ihre Schüler
  • Spiegel Online, November 2011: Lehrer und Schüler berichten aus ihrer Facebook-Praxis, darunter Frau Johannpeter und Veronika :o)
  • 4teachers, Mai 2012: Über einen Passauer Lehrer, der wegen „unangebrachter“ Kommunikation mit Schülern derzeit suspendiert ist
  • 4teachers, Mai 2012: Nochmal Frau Johannpeter, Veronika und das Hammer Modell
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Über derclownfisch

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