Veränderung ist Bedrohung

Warum glaube ich heute viel mehr als noch vor 20 Jahren, dass dies ein für unsere Gesellschaft fast allgemeingültiger Satz ist? Zwei Antworten sind denkbar. Erstens, als 20-Jähriger war ich in einem Alter, in dem Veränderung auch viel mehr Teil meines Lebens war, vielleicht projiziere ich heute nur Inneres nach außen? Zweitens, es gibt tatsächlich eine Entwicklung hin zu einer Art von gesellschaftlichem Erstarren. Diesen Blog-Eintrag schreibe ich, weil meines Erachtens so manches für den zweiten Punkt spricht.

Wenn wir uns mit Veränderungen zunehmend schwerer tun, dann bedeutet das: Probleme. Denn in einer alternden Gesellschaft wäre das ein fataler Trend. Außerdem brauchen wir die Veränderungen. Wollen sie sogar. Finden ständig Baustellen, die bearbeitet werden müssen. Finanzkrise, Bildungssystem, erneuerbare Energien, Torlinienkamera, Mindestlohn und und und. Wenn die Veränderungen aber konkret werden, dann blockieren wir. Es wäre schön, mal wieder Olympische Spiele in Deutschland zu haben, aber dafür die schönen Wiesen von Garmisch hergeben? Viel Geld ausgeben, damit selbst eine Stadt wie München das stemmen kann? Nein. Klar wollen wir gern schnell und flexibel reisen. Aber deshalb in Stuttgart einen Hauptbahnhof umbauen? Nein. Natürlich sollten wir uns von der Kernenergie verabschieden und stattdessen voll auf Wind und Sonne setzen. Aber dafür eine fette Stromleitung durch unser schönes und malerisches Eifeldorf? Auf keinen Fall. Selbstverständlich sind unsere Gerichte zu lasch, wenn es darum geht, Diebe, Mörder und Triebtäter lebenslang wegzusperren. Aber eine JVA oder forensische Psychiatrie hier mitten in unserem beschaulich-friedlichen Landkreis? Niemals.

Das Dilemma ist, dass die Nein-Sager ihre Argumente nicht immer aus der Luft greifen. Und richtig ist, dass bei einem Bauvorhaben wie dem Umbau des Hbf Stuttgart getrickst wird und auf die Finger geschaut werden muss. Wie absurd ist es eigentlich, dass wir heute wie selbstverständlich auf jeden Kostenvoranschlag ein Drittel oder die Hälfte aufschlagen? Und wie inakzeptabel ist es eigentlich, dass wir bei jeder Zeitplanung eines Bauvorhabens schon reflexhaft ein „plus x“ ansetzen? Weil also auch das „Nein“ meist seine Gründe hat, ist unsere Veränderungsangst auch eine Kompromiss-Unfähigkeit.

Ich sehe in den letzten zwei Jahren nur zwei Ereignisse, die Lösungen versprechen. Die eine ist das Kohl’sche Aussitzen. Was war das doch für ein Bild-gesteuerter Trotz und Jammer, als uns plötzlich E10-Benzin an unseren Tankstellen aufgezwungen wurde! Manchen Reaktionen war schon das Ende des Abendlandes zu entnehmen, und der Politik wurde einmal mehr Dilettantismus vorgeworfen. Heute, mehr als ein Jahr später? Kräht kein Hahn mehr nach dem Boykott dieser bedrohlichen Beimischung, die doch unsere Autos beinahe getötet hätte.

Ein anderes Beispiel sind die ausgebremsten Stuttgarter Wutbürger. An diesem Beispiel zeigte sich, dass wir Bürger einerseits und „die da oben“ andererseits keine naturgegebene Front sein müssen. Seit Stuttgart bin ich persönlich wieder bereit, die Volksabstimmung als Lösungsinstrument zu erwägen.

An unserer Schule muten wir allen Beteiligten zurzeit viele Veränderungen zu. Und überall zeigen sich die Schwierigkeiten, mit diesen Veränderungen fertig zu werden, sie anzunehmen. Vor einigen Jahren haben wir entschieden, die Schule auf G8 umzustellen. Als rheinland-pfälzische Schule hatten wir da die Wahl. Mit dem kommenden Schuljahr werden wir nun eine halbe Schule im G8- und die andere Hälfte noch im „G9“-System haben. Natürlich hat diese Veränderung weitere zur Folge. Der Nachmittagsunterricht bis 16 h wird eine zunehmende Größe auch in den Stundenplänen der Lehrer. Außerdem fordert die Ganztagesversorgung der Schüler bauliche Veränderungen. Die neue Caféteria ist fertig, nun geht es ans zweistöckige Informations-Medienzentrum. Zudem hatten wir zum letzten Schuljahr entschieden, den 55-Minuten-Takt für Unterrichtsstunden einzuführen. Das ist viel, für manchen vielleicht zuviel Neues. Gerade die 55 Minuten werden aber von vielen Beteiligten schon als Plus empfunden.

Und die anstehenden Baumaßnahmen führen nun zu einem absurd anmutenden Patt. Klassen- und Aufenthaltsräume (die der Oberstufe) müssen für die Umbauten geräumt, bzw. die Schüler umquartiert werden. Trotz Alternative ist das Gejammer der G9er unüberhörbar: Wieder einmal gehe eine Veränderung nur auf ihre Kosten. Und die Jüngeren? Unter deren Eltern fühlen sich einige schon länger als die ständig Benachteiligten, da man das Versuchspersonal für die eingeführten Veränderungen liefere.

Ich setze sehr auf die obige Lösung Nummer 1: Wir brauchen Zeit, um uns an das Neue im Schulbetrieb zu gewöhnen. Vorschnelle Urteile liegen in der Natur des Menschen, sie helfen aber nicht. Und die Glücksgriffe sind natürlich die Eltern, Kollegen und Schüler, die sich offen auf die Veränderungen einlassen, nicht die Bedrohung darin sehen, sondern die Gestaltungsmöglichkeiten.

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Eine Antwort zu Veränderung ist Bedrohung

  1. dietauschlade schreibt:

    Da fällt mir ein Zitat aus Fromms ‚Haben oder Sein‘ ein:
    „Nur das Alte, Erprobte ist sicher, oder wenigstens scheint es das zu sein. Jeder neue Schritt birgt die Gefahr des Scheiterns, und das ist einer der Gründe, weshalb der Mensch die Freiheit fürchtet.“ (Erweitere ‚Freiheit‘ um ‚Veränderungen‘)

    Grüße aus dem Nordosten in den Südwesten!

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