Vom Himmel gefallen: ein exzellenter Bond-Film

Vorsicht, Spoiler!

Man sieht einen guten Bond-Film, wenn sich der Regisseur entschieden hat, mehr als nur einen Allerwelt-Actionfilm zu drehen. Das sollte bei einer 50-jährigen Geschichte und 22 offiziellen Vorgängern selbstverständlich sein, war es zuletzt aber nicht. Marc Forster, der 2008 „Ein Quantum Trost“ in die Kinos brachte, hat sich nur um die Action gekümmert, bot blasse Schauspieler und wenig Traditionelles wie Q oder Moneypenny bzw. gewisse Ritual gewordene Szenen (Casino) oder Texte („geschüttelt, nicht gerührt“).

Man sieht einen guten Bond-Film, wenn die Tradition der Bond-Serie respektiert und gespiegelt wird. Sam Mendes hat hier ein Zeichen gesetzt. Das Zitieren der Klassiker macht „Skyfall“ selbst zu einem Kandidaten, einer der ganz großen Bonds zu werden. Natürlich muss man dafür die alten Bonds kennen, vielleicht nicht alle, aber doch aus allen Epochen welche. Dann kann man schmunzeln, wenn man am Schluss den Garderobenständer in M’s Vorzimmer gezeigt bekommt, auf den Connery in den ersten Filmen seinen Hut zu werfen pflegte (auch wenn er in den restlichen Szenen des Films schon gar keinen mehr trug). Dann kann man schmunzeln, wenn der Barkeeper den Wodka-Martini ohne zu fragen schüttelt und dafür von Craig ein anerkennendes Nicken erntet. Mendes nimmt vieles aus früheren Bond-Filmen wieder auf, Bonds Kindheitsgeschichte, seinen Aston Martin, den man aus Goldfinger kennt und der noch eins der alten Gadgets besitzt, den Knopf im Schaltknüppel, der den Sitz aus dem Wagen katapultiert.

The fighting temeraire

Man sieht einen guten Bond-Film, wenn die Besetzung rund um das eingespielte Duo Craig/Dench für weitere Highlights sorgt. Ben Whishaw als neuer Q kann da glänzen. Sein Museumsdialog mit Bond, als beide vor der „Fighting Temeraire“ von Turner sitzen, ist das erste große Highlight des Films. Die Metapher, die Bond als altes Schlachtschiff der Krone, das nun abgewrackt werden soll, zeigt, lässt schmunzeln. (Mehr zu Turners Gemälde in „Skyfall“ hier.)

Dass Javier Bardem als neuester Bond-Bösewicht Craig (und auch Dench) an die Wand spielt, konnte nicht wirklich überraschen. Der Spanier und Oscar-Preisträger hat schon in vielen Filmen gezeigt, dass er einer der ganz großen Mimen unserer Zeit ist („Biutiful“, „Vicky Cristina Barcelona“, „No country for old men“…). Zudem macht es ein Bond-Drehbuch normalerweise jedem Schauspieler leicht, auf einer großen Klaviatur teuflischen Wahnsinn und boshafte Bösartigkeit zu zeigen. Trotzdem reiht sich Bardem bei den ganz großen der Bond-Bösewichte ein, steht Gert Fröbe, Lotte Lenya, Telly Savalas, Curd Jürgens, Klaus Maria Brandauer und Mads Mikkelsen in nichts nach.

Man sieht und hört einen guten Bond-Film, wenn das Bewusstsein für die Tradition der Reihe auch im Bond-Song Ausdruck findet. In keiner anderen Film-Serie ist die Wahl des Film-Songs so bedeutsam, auch wenn er wie bei Bond meist nur für den Vorspann benutzt wird. Die Wahl Adeles und ihr Song „Skyfall“ stehen in der Tradition von Shirley Bassey, Nancy Sinatra, Sheena Easton oder Gladys Knight: Getragen und doch dramatisch, wiedererkennbar schon beim ersten Hören und versehen mit Bildern, die an die klassischen Bond-Vorspanne von Maurice Binder erinnern. Die letzten Songs von Alicia Keys oder Chris Cornell können es mal so gar nicht mit Adele aufnehmen.

Man sieht einen guten Bond-Film, wenn der Regisseur, statt ausschließlich auf Action zu setzen, eine Geschichte erzählen will, den Figuren Raum lässt, Komplexität zu entwickeln, und so dem Film Seele einhaucht. Die Story von „Skyfall“ droht auf den ersten Blick wieder einmal eine Geschichte von einem Amok laufenden Wahnsinnigen und dem an nichts als Vergeltung denkenden James Bond zu werden. Aber Skyfall geht weit darüber hinaus. Mendes verankert in seinem Action-Plot vielschichtig Eltern-Kind-Beziehungen und die Narben, die diese hinterlassen können. Er führt das spannende Verhältnis von Bond zu seiner Chefin M zu einem großen und emotionalen Ende. Mit Judi Dench, die nach 17 Jahren und 6 Bonds aus der Rolle ausscheidet, hatte gerade dieser Teil des Bond-Universums neue Qualität erhalten. Ralph Fiennes scheint der Schauspieler zu sein, der sich hier vor seiner Vorgängerin nicht verstecken muss.

Nach einem der schlechtesten Bonds (ein Zitat auf wikipedia formuliert das Problem noch sehr positiv: „Wer sich auf diesen neuen 007 [„Ein Quantum Trost“] einlässt, wird mit einem imposanten Action-Abenteuer-Inferno entlohnt, das auf die Vergangenheit pfeift und Bond endgültig in der Neuzeit verankert. Daniel Craig begeistert als primitiver Berserker, der zwischen alle Fronten gerät und Amok läuft.“), gehört „Skyfall“ ohne Zweifel zu den 3 oder 4 besten Bonds der Reihe. Die Eröffnungssequenz in Istanbul ist eine angemessene Verbeugung vor früheren Openern, die Szene auf dem Hochhaus in Schanghai fasziniert mit ihrer Licht-Optik, das Ende in Schottland ist apokalyptisch, die Bilder kreisen auch noch Tage später im Kopf. Und mein ganz persönliches Dankeschön geht an Sam Mendes für den wunderbaren Schluss mit der Rückkehr Moneypennys. Naomie Harris darf den Platz am Schreibtisch gerne für die nächsten 20 Jahre behalten… :o)

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Eine Antwort zu Vom Himmel gefallen: ein exzellenter Bond-Film

  1. derclownfisch schreibt:

    Ergänzung: Für mich heißt das Bondgirl diesmal im Übrigen „M“, was ebenfalls eine charmante Idee ist. Marlohe und Harris als Séverine und Eve M. bleiben doch sehr blass oder im Hintergrund, stattdessen gilt es im kompletten 2. Teil des Films, die Chefin zu schützen und zu retten. Das verleiht Judi Dench die klassischen Attribute eines „Bondgirls“, was auch zu ihrem gelungenen Abschied von der Serie beiträgt.

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