Die vier Tadel meiner Schulkarriere

Wenn in der Schule mal wieder eine Geschichte über auffällig gewordene Schüler zu einem kommt, sollte man sein Empörungspotenzial kontrollieren, im Griff haben. Übergriffe werden schnell fassungslos mit einem Kopfschütteln kommentiert. Was sind das nur für missratene, erziehungsferne und hyperaktive kleine Kronprinzen und Prinzessinnen! Das gab es doch früher nicht! Was ist das bloß für eine Entwicklung heutzutage! Sodom und Gomorrha! – Ganz so einfach ist es nun doch nicht. Es ist erstaunlich, wie schnell Erwachsene, übrigens Lehrer genau so wie Eltern, Erinnerungen an ihre Jugend und dem, was man da so erlebt hat, über Bord werfen. Glaubt man manchen Kollegen, war das vor 20, 30 Jahren noch eine schöne, heile Welt, hört man Eltern zu, die sich ohne jede Realitätsnähe kompromisslos vor ihr Kind stellen, ist der Spross potentieller Kandidat zukünftiger Friedensnobelpreise.

Mir hilft die Erinnerung an meine eigene Schulzeit. Der kleine Clownfisch war als Mittelstufenschüler gerne mal ein bisschen jenseits jeder Kontrolle und auch im Oberstufenalter so manches Mal fernab jeder realistischen Selbsteinschätzung. In einer bestimmten Phase meines Schullebens, 7.-9. Klasse, kam es zu vier Tadeln.

Den ersten erteilte Herr Oberm***, seines Zeichens Musiklehrer. Der nur in einer  bestimmten Phase (zwei Jahre, glaube ich) in unserer Klasse gastierende Schmali war vor die Tür, die Glastür des Musikraumes gesetzt worden. Er hatte wohl gestört. Um uns weiter gut zu unterhalten, bot er uns durch die Glastür hindurch ein abwechslungsreiches Programm. Zwei begeisterte Zuschauer hatte er auf jeden Fall: mich und meinen neben mir sitzenden Freund Olaf. Als Schmali, Otto Waalkes imitierend, von einem Bein aufs andere springend, die Hände nach vorne gehalten, Finger nach unten abgeknickt, zu den Takten des Klavier spielenden Musiklehrers vor der Glastür auf und ab hopste, war es um Olaf und mich geschehen. Lachflash. Folge: Ein wütend gebrülltes: „So! Und du bekommst jetzt einen Tadel!“. Ich geschockt. Und empört. Wieso ich und nicht der Olaf? Der Musiklehrer zwangsverpflichtete mich (Olaf auch) wenig später in die Theater-AG, die er selbst gar nicht leitete: „ Ich habe Herrn V*** gesagt, dass du ab sofort in die Theatergruppe gehst. Da gehörst du mit deinem Verhalten hin!“

Der zweite Tadel quittierte eine kleine Unaufmerksamkeit bei einem Pausenende. Es klingelte und alle Schüler durften wieder zurück zu ihren Klassenräumen. Der kleine cf stürmt auf eine (andere) Glastür, um sich gepflegt dagegen zu werfen und so in den Klassenzimmertrakt (Erdgeschosstrakt, wenn man in die Schule reinkommt, links – für die, die’s kennen) zu gelangen. Zwei Gedanken zucken kurz vorher durch mein Gehirn. Erstens: Geht diese Glastür jetzt eigentlich wirklich auch nach außen auf, gibt also nach, wenn ich mich dagegenschmeiße? Und zweitens: Hat hier noch ein Lehrer Aufsicht? Egal, Hauptsache, es ist nicht der Ruppi. Das waren Sekundenbruchteile. Dann schepperte es. Die Glastür gab nur wenige Zentimeter nach. Hat es aber überlebt. Von rechts eine Stimme: „Aha, da bekommt der Herr Clownfisch jetzt wohl einen Tadel wegen mutwilliger Sachbeschädigung!“ Sprach ein grinsender Ruppi. Alles Beteuern, es läge keine Absicht vor und ich sei halt nur ein wenig gedankenlos gewesen, half nichts. 

Tadel Nr. 3 war nun wirklich Pech. An den üblichen Schwamm- und Kreideschlachten war ja nicht ich allein beteiligt. Die Klügeren unter uns hatten aber vermutlich ein besseres Gespür für Timing. Als ich den nassen Schwamm mit Schwung gen Tafel warf, war der zu erwartende Mathelehrer (Ruppi, wer sonst) noch nicht zu sehen. Er trat dann aber ein, der Schwamm klatschte direkt vor seiner Nase an die Tafel. „Clownfisch wirft mit dem Schwamm. Rp“ – Verständnis hatte man dafür zu Hause nicht. 

Tadel Nr. 4 habe ich sehr rational zur Kenntnis genommen. Es galt (angeblich) die Regel, „höchstens drei Tadel pro Schuljahr, sonst fliegt man“. Meine vier verteilten sich aber vom Ende der Klasse 7 bis zum ersten Halbjahr der 9. Tadel Nr. 4 wurde erteilt vom Chemielehrer Herrn Krü***. Ich hatte gestört. Mit der Maßnahme konnte ich leben, weil diesmal gerechterweise der mal wieder neben mir sitzende Olaf ebenfalls sanktioniert wurde. Diesen vierten Tadel haben meine Eltern nie gesehen. Die gefälschte Unterschrift hat mir ein derart schlechtes Gewissen bereitet, dass es danach keine mehr gegeben hat. 

Ich möchte da übrigens nicht missverstanden werden: Ich will solche jugendlichen Missetaten nicht bagatellisieren. Meine Legitimation, heutzutage bei Vergleichbarem ähnlich zu reagieren wie meine Lehrer bei mir, ziehe ich aus der Tatsache, dass die Konsequenzen, vor die man mich gestellt hat, wirksam waren. Also langfristig. Wer Grenzen austestet, sollte sie dann halt auch kennen lernen.

Advertisements

Über derclownfisch

https://clownfisch.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Schule abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die vier Tadel meiner Schulkarriere

  1. Olaf Lange schreibt:

    Gelesen und für höchstwahrscheinlich zutreffend befunden….
    LG, der sich kaum noch erinnernde Olaf („Der Verdränger“)

  2. Herr Rau schreibt:

    Ich hatte nur einen. Unverdient, sechste Klasse, der hat geschmerzt! Dafür habe ich andere nicht bekommen, später, die ich verdient hätte. Also okay. Wenn ich nicht vor ein paar Jahren alte Tagebücher entdeckt hätte, laut denen ich öfter mal ins Café statt in den Unterricht gegangen bin, ich hätte mich für einen Musterschüler gehalten. (War ich in vieler Hinsicht. Aber eben nicht in jeder.)

  3. MM schreibt:

    Ich hab kurz vor meinem Abi mein „Entschuldigungsheftchen“ aus der Grundschule wiedergefunden, wo neben ein paar Entschuldigungen auch diverser Schriftverkehr meiner Eltern mit meiner Lehrerin über mein Benehmen festgehalten ist. War richtig interessant so was nochmal zu lesen.
    Zwar war ich auf dem Gymnasium auch nicht gerade unauffällig, aber eine solche Sammlung gibt es davon nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s