Bilanz 2012

Heute ging’s wieder los. Und so sehr ich meinen Job im Grunde mag, an diesen Ferienendsonntagen bin ich kein geselliger Typ. Zweieinhalb Wochen Weihnachtsferien waren selbstverständlich viel zu kurz. Und das obwohl ich diesmal alle Korrekturen vor den Ferien vom Tisch hatte und auch in den Ferien nur zweimal in der Schule am Schreibtisch war – das ist für meine Verhältnisse nicht sehr viel. Immerhin bleibt auch die Zeit, nochmal zu überlegen, was dieses Jahr 2012 beruflich wert war. Es war schon das zwölfte an unserem Gymnasium. Ich gehöre schon länger nicht mehr zu den Neuen, nicht mehr zu den Jungen. In 2012 hat zum ersten Mal eine meiner früheren LK-Schülerinnen als Französisch-Lehrerin angefangen. Ich gehöre zum Inventar.

Licht und Schatten gab es – natürlich – aber was war eher Licht, was Schatten? Viel Positives vereint sich auf die Schüler. Erlebnisse mit dem Kollegium und den Eltern sind gemischt, die wenigen negativen Erfahrungen habe ich eher hier gemacht. Die komfortable und privilegierte Situation, in der Schule an einem eigenem Schreibtisch zu sitzen, empfinde ich nach wie vor als immense Arbeitserleichterung, wenngleich die zusätzliche Arbeit, die durch die Funktionsstelle mit diesem Schreibtisch verbunden ist, mich zu oft an meine Grenzen führt. Gottseidank ist es mir 2012 auch oft gelungen, am Ende eines Tages oder einer Woche einen Schnitt zu machen, Arbeit halt mal liegen zu lassen, und nicht zuviel mit nach Hause zu nehmen (inklusive das, was man „Kopfsachen“ nennt).

Schüler sind in der Mehrheit wohl zufrieden mit dem, was ich mache. Das ist nicht immer ganz leicht herauszulesen, denn Lehrerlob wird ja nach der Orientierungsstufe meist rigoros als „Schleimen“ bewertet. Zweimal kamen die positiven Rückmeldungen in den letzten Tagen auf ungewöhnlichen Wegen zu mir, das gab einen schönen Schub für’s neue Jahr. Meine zwanzig 8er hab ich im Sommer nicht gerne abgegeben, obwohl ich sie drei Jahre, und damit ein Jahr länger als bei uns üblich, hatte. Nach diesen guten Erfahrungen mit der Klasse habe ich im neuen Schuljahr eine weitere Lerngruppe der Stufe übernehmen können. Dieses Prinzip, das ich nicht zum ersten Mal ausprobiere, führt dazu, dass ich abwechselnd mal einen Abiturjahrgang gar nicht kenne, dann wieder einen sehr sehr gut. So wie unsere jetzigen 13er, deren Abitur in dieser Woche beginnt (verkürztes 13. Schuljahr). Da habe ich meinen Französisch-LK und einen Grundkurs Deutsch. Jeder Kollege wird wissen, welche Arbeit das in der Abiturphase bedeutet. Aber auch diese Gruppen haben mir 2012 viel Spaß gemacht, wobei ich glaube, dass es richtig war, keine Studienfahrt mit dieser Stufe gemacht zu haben. Eine solche kann sehr positiv sein, wenn die Kontakte stimmen, aber ich kenne auch das Erlebnis, dass die Fahrt mit ihren Diskussionen um Alkohol und nächtliche Anwesenheit zur Belastung im weiteren Umgang miteinander wird.

Ein Highlight war das Theaterstück im Herbst. „Sophie Scholl“, ausschließlich mit Schülern der Stufe 13. Das war ein inoffizielles Projekt, eigentlich hatte ich die Theater-AG 2011 nach rund 10 Jahren abgegeben. Die Hauptdarsteller der letzten offiziellen Aufführung hatten Lust, nochmal etwas auf die Bühne zu bringen und mir war klar, dass ich mit diesen Schülern bei einem Minimum an Betreuung ein Maximum an Qualität erzielen würde. So war das auch. Die beiden Sophie-Scholl-Abende haben aber auch gezeigt, dass es zunehmend schwieriger wird, Zuschauer zu mobilisieren. Kollegen sind dankenswerterweise viele erscheinen, aber leider hat niemand der Deutsch-, Sozialkunde- oder Geschichtskollegen sich dazu bewegen lassen, die Aufführung mit dem eigenen Oberstufenkurs zu besuchen. Das war enttäuschend.

Bei Problemen in der Mittelstufe neige ich mehr und mehr dazu, die Eltern zu Gesprächen einzuladen. Das kostet viel Zeit und viele Gespräche sind anstrengend, manche ermüdend, ich mache aber die Erfahrung, dass die direkte, persönliche Ebene mehr Erfolg hat als der Austausch per Mail oder am Telefon. Die Mehrzahl unserer Eltern fordern allerdings auch eine zügige und genaue Information seitens der Schule. Für viele Eltern ist die Situation nicht leicht: Eben waren die Kleinen noch ausschließlich in der Kinder-Rolle, jetzt werden sie flügge und wollen erwachsen werden. Da passt das Bild, das man sich 12, 13 Jahre lang vom eigenen Nachwuchs gemacht hatte, plötzlich nicht mehr zu dem Verhalten, das seit einigen Wochen oder Monaten an den Tag gelegt wird. Da knirscht es schnell mal hier und da und Fehlverhalten muss angesprochen werden.

Weil ich ihn immer wieder gehört habe, schwebt über dem vergangenen Jahr sehr der Satz „Mein Kind belügt mich nicht!“ Der Satz mag reine Strategie bei einem Gespräch mit der Schule sein, ist er aber ernstgemeint, finde ich ihn umso problematischer. Will man als Lehrer der Überbringer einer so furchtbaren Botschaft sein? („Doch, tut es!“) Bricht nicht eine Welt zusammen, wenn man diese Behauptung widerlegen muss? Ich kann nur appellieren: Liebe Eltern, und wenn Ihr Kind Sie doch mal belügt, bitte enterben Sie es nicht gleich! Denken Sie an früher und sorgen Sie dafür, dass es auch nach der entlarvten Lüge vertrauensvoll weitergehen kann und muss!

Der Ton in unserer Gesellschaft wird schärfer. Das Internet war da meines Erachtens Vorreiter, 2012 ist der gelegentlich robustere und extrem fordernde Umgangston auch in der Schule weiter vorgedrungen. Ich erlebe ihn kaum bei Schülern (da läuft es womöglich mehr untereinander), vermehrt bei Eltern und so manches Mal inzwischen auch bei Kollegen. Wohl gemerkt: Die verständigen und kooperativen Eltern sind nach wie vor in der Überzahl, trotzdem ist einer meiner Wünsche für 2013, dass die Überzahl wieder an Stärke gewinnt.

Eigene Vorsätze für 2013? Habe ich nicht wirklich gefasst. Wenn doch, hätten sie so heißen können: Besseres Zeitmanagement bei der Erledigung der vielen Aufgaben, nach wie vor gelegentlich „Nein“ sagen können, den lehrerzentrierten Unterricht noch mehr durch alternative Methoden zu ersetzen, Ablage abarbeiten…

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Eine Antwort zu Bilanz 2012

  1. BOWMORE Darkest schreibt:

    In jedem Beruf ist eines wichtig: Abschalten zu können. Als Berufsanfänger hatte man nicht immer sofort den Verlauf eines Projektes vor Augen, Lösungen waren nicht gleich parat gestanden. Wenn ich aber am Abend meinen Arbeitsplatz verließ, waren diese Probleme vollständig aus meinen Gedanken verschwunden. Erst am nächsten Morgen auf dem Weg ins Büro kamen die Gedanken vom Vortag wieder zum Vorschein.
    Wer abschalten kann, ist im Vorteil.
    C.H.

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