An der Supermarktkasse (1)

(aus dem alten Blog, September 2009)

In einer Gesellschaft, in der wir laut berufenen und weniger berufenen Mündern immer mehr vereinzeln, wo begegnen wir uns da alle noch? Auf der Autobahn natürlich. Jeder zwar in seinem Fahrzeug, aber wir sind gezwungen, miteinander auszukommen und üben das auch fleißig. Freundlichkeit, Rücksichtnahme und Verständnis sind da ja Trumpf. Oder im Internet. Das hat seine Parallelen zur Auto-Situation, wie sich nicht nur in der Metapher „Datenautobahn“ zeigt. Da wollen wir mit anderen kommunizieren, da trennt uns aber nicht die Windschutzscheibe sondern der Flachbildschirm. Das Ergebnis ist, jetzt mal ohne Ironie, ähnlich: In Internetforen und –chats ist der Ton deutlich rauer, aggressiver, bisweilen giftiger als in der realen Auge-in-Auge-Situation.

Ein weiterer, zudem noch realer Begegnungsort ist die Supermarktkasse.

Da läuft alles viel vorsichtiger und betont unauffälliger ab als am Rechner oder am Steuer. Am Anfang steht die Wahl der Kasse. Diese bestimmt, in welcher Laune wir uns dem Laufband nähern. Dummerweise regiert hier gefühlsmäßig Murphy’s law. Wir erinnern uns stärker daran, wieder einmal eine Kasse erwischt zu haben, an der es extrem lange dauert. Wenn’s mal schnell geht: freuen und vergessen. Ergibt sich Wartezeit aufgrund von Komplikationen vorne bei Kassiererin Tina („…wat kosten die Kondome?“ ), nehmen wir ersten Kontakt zu Mitwartenden auf. Tenor: Mit leidvollem Kopfschütteln verbünden wir uns gedanklich gegen den Idioten da vorne und das Schicksal: Jaja, wieder mal Pech gehabt.

Leider warten nicht nur wir zwei, leider steht hinter uns jemand, der sich sicher ist, dass wir in der Schlange noch ein paar Zentimeter aufrücken könnten. Man will ja weiter. Und vielleicht geht’s ja doch mal irgendwie schneller, nur weil man sich ganz dicht anstellt. Bei dem Typus hinter einem sind 3 Kategorien des „Dränglers“ zu unterscheiden: Der Kunde mit Wagen, der uns diesen immer ganz sachte in die Hacken schiebt; die Oma, die es von uns allen am eiligsten hat (im Rentenalter zählt jede Stunde) oder der Kunde ohne Wagen, der nur wenig in Händen und ein Geruchsproblem hat. Er kann der Alkoholiker sein (Flachmann diskret in der Hand), der unseren Nacken hochprozentig volldunstet oder einfach der verdreckte, ungewaschene Verlierer, den die Gesellschaft mies im Stich gelassen hat. Typ „Wieso Hemd waschen? – Hab ich dieses Jahr schon gemacht!“ Diese Kategorien treten auch in jeder möglichen Kombination auf.

Erreichen wir das Laufband, beginnt die heiße Phase: Wir legen auf. Die Art und Weise, wie Menschen ihr Konsumgut auf dem Band platzieren, verrät so gut wie alles über ihren Charakter. Da gibt es den, der desinteressiert und nachlässig seine Produkte auf das Band schmeißt. Der Nächste denkt bereits ans Tütepacken und platziert mit System: Erst die schweren Sachen, dann das, was obendrauf liegen kann. Wieder ein anderer will das Laufband in größtmöglicher Effizienz nutzen: Jedes Plätzchen wird genutzt (die Wrigley’s passen hier noch hin), Türmchen werden gebaut (auch hier: bitte wieder aufs Gewicht achten und die Milch nicht auf die Trauben legen). Schema 2 und 3 tritt häufig zusammen auf.

Hat man die Leergut-Bon-Krise gemeistert, diesen also nicht vergessen, sondern ihn ebenfalls gut sichtbar für Tina platziert (wenn man ihn nicht eh in der Hand hält, das ist sicherer), dann kommt wieder etwas ganz Wichtiges. Wie sichere ich meine Ware vor Vorder- und Hintermann? Würde es jetzt nicht diesen kleinen Plastikbalken (früher: speckiges Holz) geben, wir bekämen unser Adrenalin nicht in den Griff. Die Angst, den Blumenkohl von der Oma hinter uns mitzahlen zu müssen, wäre übermächtig. Also greifen wir nach dem „Warenstopper“ (für mich die brauchbarste Bezeichnung für diesen Gegenstand). Wenn wir aber gerade nicht bei Aldi stehen, kann es da zu Engpässen kommen. Der Warenstopper ist dann oft nicht oder nur gerade eben in Reichweite. Richtig Pech hat man, wenn man den stinkenden Alkoholiker hinter sich hat, der seinen Flachmann vor unserem Müsli schützen will und nun quer über unsere Ware greift. Körperkontakt ist jetzt nicht mehr zu verhindern. Dabei wollten wir doch nie mit dieser Jacke in Berührung kommen! Zu spät.

Das retardierende Moment, bevor Tina eingreift und ihren einsamen Kampf gegen den Barcode beginnt, ist nun folgendes: Das Studium der von unseren Nachbarn aufs Band gelegten Produkte. Schamlos wird der 38-jährigen Studienrätin auf das Pampers-Paket gestarrt. Sie hat Glück, da hätten auch ihre Always ultra inkl. Größenangabe liegen können. Jeder Übergewichtige spürt die missbilligenden Blicke wie Messerstiche in seinem Rücken – angesichts der Chio-Chips-Tonne, die das kleine Warenarrangement auf dem Band krönt. Neugier kann geweckt werden: „Sieh an, da gibt’s was Neues von St. Albray! Hab ich gar nich gesehen? Sieht lecker aus.“ Und ein weiterer häufiger Gedanke: „Mist, wo hat der denn noch die Gartenschere aus’m Angebot gefunden? Die waren doch alle weg?!“

Fortsetzung.

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6 Antworten zu An der Supermarktkasse (1)

  1. BOWMORE Darkest schreibt:

    Genau so läuft das Spiel an der Kasse. In Großbritannien gibt es automatische, selbst zu bedienende Kassen. Wenn man die erste Scheuhürde überwunden hat, die ziehen auch Bargeld, will man nicht mehr anders einkaufen.
    C.H.

  2. yuppidu schreibt:

    Klasse, wie du das so machst an der Kasse! ;-)

  3. Pingback: “Mir ist, als ob es tausend Stäbe gäbe…” | clownfisch unchained

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