„Was soll denn sonst reichen, wenn nicht Liebe?“

Diesen wunderbaren, melancholischen Satz sagt Hans Kupfer, alias Uwe Kockisch, zu seinem Sohn Martin (Florian Lukas) am Ende der ersten Staffel der TV-Serie „Weissensee“. Es ist die Replik auf Martins „Du hattest Recht, Liebe allein reicht nicht“; Martin ist resigniert, weil er glaubt, dass die Liebe seines Lebens zu Ende sei.

„Weissensee“ ist eine mit Lob überschüttete, mehrfach ausgezeichnete Fernsehserie aus dem Produktionsstall Regina Zieglers. Hannah Herzsprung erhielt 2010 den (das?) Bambi für ihre Rolle als Julia Hausmann, Jörg Hartmann (Falk Kupfer) wurde ein Jahr später der Deutsche Fernsehpreis für seine Leistung in der ersten Staffel verliehen. Die beiden sind die Antipoden eines fassettenreichen Kaleidoskops der DDR in den 80er Jahren. Die stolze, unbeugsame und mutige Hannah wehrt sich gegen den Denunziantenstaat, der seine Bewohner überwacht, einsperrt, foltert. Falk ist der treue Parteisoldat, der jeden Stasi-Befehl ohne zu zögern ausführt, Karriere beim MfS der Anerkennung wegen machen will, die er von seinem Vater nie erhalten hat.

Mir war „Weissensee“ bei der TV-Ausstrahlung der ersten Staffel im Herbst 2010 entgangen, fortan begegneten mir immer wieder die Komplimente für diese deutsche Serie. Auch etwaige Wiederholungen habe ich verpasst. Ein bisschen Skepsis gab es aber auch, muss wohl an dem Sättigungsgrad liegen, den ich zum Thema vielleicht schon erreicht hatte. Zudem gibt es schon gute Spielfilmproduktionen: Sonnenallee, Goodbye Lenin und Das Leben der Anderen. Inzwischen sind auch die zweiten 6 Folgen produziert, die lahme ARD will die 2. Staffel aber erst im Herbst 2013 zeigen. Das hat man sich seitens der Produzentin nicht gefallen lassen, in den letzten Wochen ist diese neue Staffel zusammen mit der alten bereits auf DVD veröffentlicht worden. Ich griff zu.

Die Stärken von „Weissensee“

Die Drehbuchautorin Annette Hess geht weit über eine simple s/w-Skizzierung ihrer Figuren hinaus. Weil so gut wie jede handelnde Person ihre Stärken und Schwächen hat, löst sich das vermeintliche Gut-Böse-Prinzip zwischen systemhörigen und systemkritischen DDR-Bewohnern alsbald auf und entfaltet so das ganze Panorama einer vom Staat unterdrückten Gesellschaft. Man kann Falk nicht hassen, wenn man ihn sich liebevoll um seinen Sohn kümmern sieht, dafür geht einem Julias selbstgerechte Mutter gerne mal auf die Nerven; Dunja Hausmann ist die Liedermacherin, die mutig gegen vorgegebene Chanson-Listen ansingt und ihre „Freiheit“, die sie als solche aber ohnehin nicht empfindet, aufs Spiel setzt. Man fühlt mit Familienvater Kupfer, der alles an Glück, Reichtum und Ruhm seiner Familie mit Hilfe der eigenen Stasi-Karriere aufgebaut hat und nun spürt, dass sein Lebenswerk doch nur einem neuen totalitären System gedient hat. Dafür ermüdet Julia Hausmann gelegentlich, weil sie ihr privates Glück aus nahezu stoischem Trotz andauernd aufs Spiel setzt.

Dabei ist „Weissensee“ mehr als ein Historien-Drama. Die Storyline von Hannah und Martin ist eine der ergreifendsten Liebesgeschichten, die ich seit langem gesehen, gelesen oder gehört habe. Diese Unbedingtheit, die dabei weitgehend kitschfrei bleibt, ist toll anzusehen.

Die Schwächen von „Weissensee“

Es wird vor allem eines zum Problem: Spätestens in der zweiten Staffel fragt sich der Zuschauer, was denn diesen leidgeprüften Protagonisten noch alles passieren soll. Die erzählerische Verdichtung, die ein Film oder eine Serie ja letztlich braucht (man kann ja schlecht ein Arsenal von Hundert oder mehr Figuren einführen), fängt irgendwann an zu nerven. Geht was schief, ist natürlich immer irgendwie Falk Schuld. Geht man zum beginnenden Protest in die Kreuzkirche, singt da todsicher gerade Dunja Hausmann. Und so weiter. Mir wäre hier weniger mehr gewesen. Das Put-it-all-in-Prinzip (ach ja, gedopt wurde im Osten natürlich auch) hätte ich nicht gebraucht. Ich weiß ja.

Und eine Gruppe der DDR-Bürger sehe ich in der Serie auch nicht repräsentiert: Was ist mit all jenen, die von der Stasi zu IM-Tätigkeiten gezwungen wurden und diese dann mit gezielter Desinformation unterwandert haben? Die Dokumentation des Banalen, weil man nichts verraten will, die Täter aber bedienen muss. Das fehlt als Option der Serienfiguren.

Trotzdem gilt auch für „Weissensee“: Erzählte Historie wird neu lebendig. Ich wusste alles vom Dritten Reich und ging dann doch in die Knie, als ich 1994 „Schindlers Liste“ sah. Ich wusste, was Fritz Walter und Helmut Rahn 1954 veranstaltet haben und hab es doch nochmal neu begriffen, als ich Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ gesehen habe. Ich hab genug Dokumentationen über das DDR-Regime gesehen, aber der Druck auf die Bevölkerung, die omnipräsente Allmacht des Täterstaates und der völlige Verlust von Vertrauen in die Mitmenschen, „Weissensee“ demonstriert das nochmal auf erschütternde Weise.

Schauts euch an. Eure GEZ-Gebühren sind hier mal gut investiert. Kauft die DVD und unterstützt jene, die sowas noch umsetzen. Gehet hin und liebt Hannah Herzsprung, Katrin Sass und Uwe Jockisch für das, was sie da tun.

Was rettet die Welt?

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Über derclownfisch

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