demokratisches Klassenzimmer: der Klassenrat

Klassenrat

In meiner 8. gab es in diesem Frühjahr eine Sachlage, die einige Charakteristika von Mobbing aufwies. Leider hat der betreffende Schüler die Schule gewechselt, was uns nicht mehr die Chance ließ, die Probleme, die sicher lösbar waren, mit der Klasse zu klären. Bei der Überlegung, wie man sowohl präventiv als auch rückblickend die Problematik aufarbeitet, habe ich mich dazu entschieden, in einem ersten Schritt einen Klassenrat einzuführen.

Der Klassenrat kommt regelmäßig, idealerweise einmal pro Woche, zusammen. Definiert werden der Vorsitzende, der Zeitwächter, der Protokollant und der Regelwächter. Die Sitzung läuft mehr oder weniger ritualisiert ab. Grundlagen sind Zettel, die Mitschüler in eine in der Klasse aufgestellte Box eingeworfen haben und auf denen Missstände/Probleme benannt werden. Auf der Seite http://www.derklassenrat.de kann man Info- und Hilfs-Materialien bestellen, das „Mitmach-Set“ (siehe Bild). Im Saarland und in Rheinland-Pfalz erhält man dieses Set (auch mehrere) kostenlos, ebenso an vielen Schulen in Hessen. Der Versand in andere Bundesländer ist „kostenpflichtig“, was da anfällt, weiß ich leider nicht.

Der Start meines Klassenrates, zweimal hat er bislang stattgefunden, scheint gelungen. Ich habe sechs Leutchen im Rat, der Job des Protokollanten ist doppelt besetzt. Außerdem gibt es noch einen weiteren Platz, weil wir eine Klassensprecher-Doppelspitze haben, bei der nicht zwischen 1. und 2. Sprecher unterschieden wird. Beide sind also im Gremium. Das Verhältnis Mädchen zu Jungen ist 4:2. In den Broschüren wird ein bisschen davor gewarnt, dass sich zu schnell nur die Mädchen solcher Aufgaben annehmen, also passt auch das. Laut Schüler ist zudem auch das Cliquen-Gefüge der Klasse gut genug repräsentiert.

Mein positiver Eindruck: Das Gremium harmoniert ganz gut, bildet einen neuen „Macht“-Faktor, kann sich hoffentlich zukünftig in brenzligen Situationen gegen die intrigierenden Hierarchen der Klasse behaupten. Sie erzählen gern, sind aber trotzdem auch produktiv. Schüler zum Subjekt des Geschehens zu machen, ist meines Erachtens heutzutage ein A und O an Schulen. Erlebt man sich selbst als Handelnden, der auch etwas erreicht, dann ist es kein Problem, am Freitag auch noch die Mittagspause zu opfern. Hoffentlich hält sich das.

Ein Problem besteht offenbar zurzeit noch darin, dass die Zettelbox von der Klasse noch nicht so richtig angenommen wird. Dem einen mag das zu „kindisch“ sein (8. Klasse – da ist man gerne schon sehr erwachsen und cool), der andere erkennt vielleicht schon, dass hier ein Instrument entstanden ist, das ihn bedrohen könnte und boykottiert es. Das will ich bis zum Sommer mal noch beobachten.

Im Prinzip kann ich den Klassenrat sehr empfehlen. Mit der richtigen Akzentuierung kann man ihn sicher überall in der Primar- und Sekundarstufe (I) einsetzen.

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Über derclownfisch

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15 Antworten zu demokratisches Klassenzimmer: der Klassenrat

  1. spreewaldperle schreibt:

    Gute Idee. Auch die kleine Abwandlung in der Besetzungsstärke, individuell auf die Klasse abgestimmt.

  2. Wir haben gute Erfahrungen mit einem Klassenrat, wenn auch in etwas anderer Form gemacht: eine Klassengesprächsrunde 1x die 2 Woche 1Std. , in der jeder mal mit Moderation, Protokoll und Redeliste dran kam. Mein Kind har selbst einen Mobbing-Fall eingebracht ( mit Vorbereitung durch eine Lehrerin). Es bekam viel Unterstützung aus der Klasse und die Mobberin musste erkennen, das ihr Treiben nicht gebilligt wird und auch nicht geheim bleibt .
    Mein Kind hat das sehr gestärkt und ich musste mich nicht einmischen, was sehr gut war.

    • derclownfisch schreibt:

      Freut mich für dein Kind, prima! Bedeutet aber auch, dass sich noch nicht die ganze Klasse gegen dein Kind gestellt hatte? Das dann aufzubrechen, kann schwierig sein.

      • Zum Glück nicht. War nur eine kleine clique mizt einer Vorturnerin.. Das ganze spielte sich auch oft auf dem Heimweg ab und per sms. Einige Kids wussten es, trauten sich aber nichts zu sagen, andere waren echtverschrocken und empört, als es offengelegt wurde. War Ende der 7. Klasse.
        Toll war, wie mein Kind alle Fakten auf Karteikarten schrieb, die Lrhrerin anrief , mit ihr das für und wider des Outings besprach und dann sein Herz in die Hand nahm. Ich war echt beeindruckt.

      • derclownfisch schreibt:

        Ja, das hat sie gut gemacht. :o)

  3. Oh je Herr Lehrer….Tippfehler heute “ on top “ :-(

  4. Josef Blank schreibt:

    Toll, dass der Klassenrat bei deinen ersten Versuchen so gut funktioniert hat! Die Doppelbesetzung der beiden Ämter ist gerade am Anfang sehr hilfreich.

    Ich habe das Mitmach-Set mitentwickelt und freue mich sehr, dass es dir bei deinen ersten Schritten hilft.

    Wenn deine Schüler den Briefkasten nicht so gut annehmen, kannst du es alternativ auch mal mit einer Klassenrats-Wandzeitung versuchen – ein großes Plakat an der Wand, an das die Schüler ihre Anliegen hängen oder schreiben. Dann sind die Themen zwar nicht mehr anonym, aber dafür (oder gerade deshalb) wird das vielleicht auch als weniger kindisch wahrgenommen.

    Wenn während der nächsten Sitzungen Fragen entstehen oder du Anregungen für die Weiterentwicklung der Mitmach-Sets hast, melde dich gerne bei uns. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg!

    Außerhalb von Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen kostet ein Mitmach-Set übrigens 7,95 € inkl. Versand.

  5. Frau Streng schreibt:

    Ich habe den Klassenrat in der dritten Klasse eingeführt. In Jgst. 4 werde ich derzeit auch nicht mehr oft benötigt. Wir haben immer einen anderen Moderator, der (mit Hilfe von Bildkarten) durch den Klassenrat führt. Wir nutzen übrigens keine Zettel, sondern ein Klassenratsbuch, in das die Kids ihre Anliegen schreiben dürfen, in dem aber auch Beschlüsse festgehalten und in der nächsten Woche noch einmal reflektiert oder überprüft werden.Vielleicht wäre das eine Alternative?
    Eine tolle Sache jedenfalls! Herzliche Grüße von Frau Streng

  6. Pingback: Acht wie Ach-du-Schreck | perlen und geperle

  7. Die große Schwachstelle erster Wahlen in jungen Demokratien ist bekanntlich die Urne. Man weiß nicht, wer wie vertrauenswürdig auszählt und nach welchem Gutdünken gewichtet. Vor dem Hintergrund halte ich es für nachvollziehbar, wenn die Zettelbox Ablehnung erfährt. Weil die Sichtung der Zettel und womöglich auch die Entscheidung über die Themenauswahl von einzelnen Schülern durchgeführt wird, widerspricht das dem ansonsten sorgsam gewahrten Transparenzprinzip des Klassenrats.

    Was sich hier zeigt, ist ein wunderbares Beispiel für die Weisheit konstruktiv zusammenarbeitender Gruppen. Funktioniert etwas nicht, dann gibt es einen guten Grund dafür, der verstanden und gewürdigt werden sollte. Mein Vorschlag dafür:

    Getreu der oben so schön formulierten Devise „Schüler zum Subjekt des Geschehens zu machen, ist meines Erachtens heutzutage ein A und O an Schulen“, würde ich die Schüler in coram publico befragen, wie sie selber sich die Vorgehensweise bei der Themensammlung vorstellen. Die gefundene Lösung wird, vielleicht nach einer mehrstufigen Modifikation, dann allgemeine Akzeptanz finden.

    • derclownfisch schreibt:

      Vielen Dank für den Kommentar, den ich sehr hilfreich finde. Die fehlende Transparenz ist in der Tat noch ein Punkt, der jetzt nach den Ferien angegangen werden muss. Hilfreich ist für mich, dass ich mit dem neuen Stundenplan jetzt auch die ganze Klasse im Hauptfach unterrichte. Ich kann also meine Stunden nutzen, um transparente Elemente (Themenerfassung, Durchführung der Sitzung) zu installieren.

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