Theater-AG 2006: „One“

2006 hab ich das fünfte Theaterstück aufgeführt, zum zweiten Mal war es ein Musical. „Musical“ bedeutete in allen Fällen, dass die Schüler ihr Stück spielten und zwischendurch Lieder sangen. Also kein Sprechgesang. Nach der Aufführung des Ally-McBeal-Stoffes 2004 machten wir diesmal manches anders. Der Kollege, der mir schon zwei Jahre zuvor musikalisch helfend unter die Arme gegriffen hatte, stieß wieder dazu. Das Vorgehen war ungewöhnlich: Ich wollte damit beginnen, die Lieder festzulegen. Die Songauswahl sollte zu 100 % meinen Vorstellungen entsprechen. Anhand der Inhalte der Songs habe ich dann eine Geschichte entwickelt und das Drehbuch geschrieben. So bestimmten die Lieder schon auf einer ganz profanen Ebene das Stück: Ich wollte gerne „Teenage dirtbag“ drin haben. Darin wird Noëlle besungen, das Mädchen, an das man nicht herankommt, weil man ja so ein teenage dirtbag ist („Her name is Noelle, I have a dream about her“). Ergo hieß eine der Hauptfiguren Noëlle und alle anderen Figuren bekamen ebenfalls französische Namen.

Von Anfang an fest stand auch die Verwendung von U2’s „One“, das zudem titelgebend sein sollte. Einer zentralen Textstelle – „one life but we’re not the same, we get to carry each other“ – folgend, habe ich die zentrale Botschaft des Stücks kreiert: Wir sind alle einzigartig, und doch erreichen wir oft nur gemeinsam etwas. Das Risiko war nun natürlich, eine 90 bis 120-minütige Handlung zu finden, die trägt, für sich steht und nicht konstruiert wirkt. Nach einem Grundeinfall kam alles wie von selbst: Eine Theatergruppe spielt eine Theatergruppe. Die (fiktive) Gruppe will „Romeo und Julia“ aufführen – Projektionsfläche für die Liebesgeschichte -, scheitert fast an den Streitereien und Egoismen, bis sie dann doch gemeinsam das Ziel erreicht: die Aufführung. Showdown zwischen Miss Capulet und Signore Montague:

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Auf der Suche nach einem symbolischen Bild des Miteinanders und der Liebe, welches Plakate, Eintrittskarten, Programmheft zieren sollte, fand ich eine ganz einfache Lösung. Das „sich an den Händen halten“ als reine, unschuldige Form des Zusammenseins funktionierte auch hier.

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Bei der Musik fiel irgendwann die Entscheidung, nicht mit einer Band zu arbeiten. Manche Stücke waren doch recht schwierig, Musiker dafür nicht zu bekommen. So gab es bei den Aufführungen das Halb-Playback: Die Akteure sangen live, die Musik kam von der Datei, plus ein gelegentlich unterstützendes Klavier. Die Video-AG hatte zu einigen Songs Videoclips erstellt. Die liefen dann parallel zum jeweiligen Song. Während Romeo mit „One“ auch seine Julia besang, war die abgewiesene Konkurrentin silhouettenhaft vor dem Video, das ebenfalls die Julia zeigte, zu sehen.

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Logistisch wurde im Laufe des Schuljahres alles zum Großprojekt. Und das obwohl die Bigband dieses Mal noch nicht beteiligt war. Schulchor, Video-AG, Techniker, Schülerfirmen für die Aufführungsabende… wir kamen auf rund 70 Schüler. Die damaligen Stützen der AG leisteten eine Menge. Bianca choreographierte nebenher noch die Tänze, Dominik sang ein Lied nach dem andern, obwohl die Musik sicher nicht immer nach seinem Geschmack war, Merveille machte ihrem Namen alle Ehre und spielte und sang wunderbar, Simon, Miriam, Hannah, Pawel u.a. sorgten dafür, dass die Qualität der Schüleraufführung auf breiter Fläche hoch war.

Wunderbare Momente gab es schon bei den Proben. Zum Beispiel beim Gesangscasting: Ich bin sicher, ich kann auch in 10 Jahren noch alle Beteiligten auf den Augenblick ansprechen, als Ulrike, damals Achtklässlerin, sich auf die Bühne stellte und Nine million bicycles vortrug. Dreieinhalb Minuten Gänsehaut. ;o)

Weil es so persönlich war, ist „One“ bis heute das Projekt, das mir am meisten am Herzen liegt. Ich habe alle vier Aufführungen im Publikum verbracht, weil ich zusehen wollte. Die Gruppe war erfahren und professionell genug, um sich hinter der Bühne selbst zu organisieren. Der Drahtseilakt des Finales, mit Symbolik, Kitsch und klassischer Musicaldramatik zu jonglieren – ich glaube bis heute, dass er gelungen ist. Zu dem Song „One“, den Dominik auf der Bühne performte, neben ihm sowohl seine neu gewonnene Julia (Merveille) als auch die amouröse Verliererin Bianca, betraten nach und nach alle anderen Akteure (und die AG war eine große in jenen Jahren) den Saal, nahmen einander an die Hand und bildeten so Ketten durch den Zuschauerraum und über die Bühne. We’re one.

Die Songs, die wir damals verwendet haben:

  • Affirmation (Savage Garden, Opener)
  • These boots are made for walking (Nancy Sinatra)
  • Hotel California (The Eagles)
  • Downtown (Petula Clark)
  • Shape of my heart (Sting)
  • 9 million bicycles (Katie Melua)
  • Beautiful (Christina Aguilera)
  • In the shadows (The Rasmus)
  • Un-break my heart (Toni Braxton)
  • Teenage dirtbag (Wheatus)
  • Torn (Natalie Imbruglia)
  • Hip teens don’t wear blue jeans (Frank Popp Ensemble)
  • Sous le vent (Celine Dion & Garou, allerdings mit engl. Text)
  • One (U2)
  • Free (Lighthouse Family, Finale)
  • One moment in time (Whitney Houston, Zugabe)
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Über derclownfisch

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9 Antworten zu Theater-AG 2006: „One“

  1. Pingback: Geht’s raus und macht’s Theater. | clownfisch unchained

  2. Das ist ein besonderes Herangehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass alle Beteiligten lange davon zehr(t)en. Kultur/ Kunst an der Schule finde ich total wichtig.Für mein Kind hatten Kulturprojekte immer eine ganz besondere Bedeutung. Es wird wohl auch das einzige sein, dass es wirklich vermissen wird, jetzt quasi in der „Arbeitswelt“. Und ich auch. War immer schön zu sehen, wenn so ein Werk wächst , sich entwickelt und die Beteiligten ebenfalls.

    • derclownfisch schreibt:

      Ja, die Theater-AG wurde damals sehr beliebt, das konnte ich hier und da an Schüler-Reaktionen und natürlich an der Interessentenliste für die AG zu Beginn der Schuljahre ablesen.

      Die Helen-Lange-Schule in Wiesbaden setzt ein alternatives Schulkonzept um, bei dem es dazugehört. dass Schüler in jedem Jahr Theater spielen (http://helene-lange-schule.templ2.evision.net/index.php?id=93). Nicht nur, weil ich schultheater-affin bin, halte ich das für eine großartige Herangehensweise. Zitat: „Eine Untersuchung der Universität Mainz aus dem Jahr 2005/6 hat aufgezeigt, wie viele zusätzliche Kompetenzen sich Schülerinnen und Schüler durch das Theaterspielen erwerben.“

      • Eure Schule hat ein interessantes Reform-Konzept. Danke für den Link. Wir haben hier in HH Kulturschulen, meine Tochter war auf einer Pilotschule Kultur. Das Konzept war im Prinzip o.k., wenngleich kein umfassendes Reformkonzept. Es gab auch zusätzlich Gelder. Aber in Brennpunktstadteilen reicht es trotzdem hinten und vorne nicht. Besonders eure Räumlichkeiten – davon träumen unsere Kids nur!
        Aus der Grundschulklasse meiner Tochter hatten nur 5 Kinder ( von 26 ) eine Gymmi- Empfehlung, was bestimmt nicht an der Intelligenz der Kids lag. So sieht Schule aus, wenn sie nicht gelingt….Engagement allein langt eben nicht. Und resignierte Lehrer, die diesen Anforderungen nicht standhielten, leider zu viele.

  3. giftigeblonde schreibt:

    Ein großartiges Projekt.
    Ich finde auch dass in der Schule viel mehr Kultur vermittelt werden sollte.

    Zu One an sich sag ich nix, das ist einfach ein genialer Song.

    • derclownfisch schreibt:

      Zu „One“ gibt es die Anekdote, dass mein für das Musikalische verantwortlicher Kollege sich heftigst gegen diesen Song sträubte. Ihm war der zu simpel. Er ist Musiker, hatte offenbar einen ganz anderen Blick auf das Stück (simples Arrangement? Instrumenten-Armut? keine Ahnung), während ich das Lied emotional bewerte. Es bewegt, hat eine Aussage, ist ein Ohrwurm.
      Die Pointe funktioniert auch heute noch: Wir nehmen uns immer noch gelegentlich auf dne Arm, jeder dem anderen die Fehleinschätzung des Liedes vorwerfend… :o)

  4. yuppidu schreibt:

    Beeindruckend, wirklich toll! :-)

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