„Mir ist, als ob es tausend Stäbe gäbe…“

Die Online-FAZ eröffnet dem geneigten Leser die Gelegenheit, einen Stiltest zu machen: Man gebe einen (natürlich) selbstgeschriebenen Text ein und erfährt per Mausklick, dass man schreibt wie…. (bekannte deutsche Autoren aller Epochen sind hier einzufügen). Wie das funktioniert, da hält sich die FAZ einigermaßen bedeckt, wirft mit dem Stichwort „Algorithmus“ um sich, allerdings hat die Idee ohnehin eher aufgrund des Unterhaltungswertes ihren Charme.

Ich hab’s getestet mit einem willkürlich gewählten Absatz aus dem Supermarkt-Teil-1-Artikel. Das Ergebnis hier als Zertifikat:

Rainer Maria Rilke

Danke für das Kompliment, liebe FAZ. Ob Rilke heute dergestalt über Supermärkte schreiben würde, schon allein inhaltlich hege ich da gewisse Zweifel. Wobei ich zugeben muss, dass auch mein Blick beim Vorübergehen der Edeka-Regale gelegentlich schon vor lauter Müdigkeit (oder Langeweile?) nichts mehr halten konnte…

Das beste an der Sache ist vielleicht, dass dieser Spaßtest Anlass gibt, hier nochmal nachlesen zu lassen, wie großartig Lyrik sein kann:

Rainer Maria Rilke: Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

(kopiert von: http://rainer-maria-rilke.de)

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Über derclownfisch

https://clownfisch.wordpress.com/
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24 Antworten zu „Mir ist, als ob es tausend Stäbe gäbe…“

  1. herr_mess schreibt:

    Danke für den Hinweis! Ich hab mir die Mühe gemacht, meine Entwicklung als Blog-Schriftsteller anzuschauen und den „Algorithmus“ mit meinem ersten und meinem letzten Blog-Artikel gefüttert. Ergebnis: Ich begann als Melinda Nadj Abonjii und bin mittlerweile ein Sigmund Freud. Sollte mich das verstören?

  2. zwischenbuechern schreibt:

    Ich mag Rilke ;)
    Ich habe den Test ebenfalls mal gemacht – das kam bei mir raus: http://zwischenbuechern.wordpress.com/2013/08/01/ich-schreibe-wie/

  3. Danke für den netten Zeitvertreib. Ich werde kopiert von : Siegmund Freud, Melinda Nadj Abonj und Dietmar Dath… Also woher der Freud weiß, wie ich schreibe? Sooo alt bin ich nun auch wieder nicht ….

  4. BOWMORE Darkest schreibt:

    Schöner Zeitvertreib. Ich habe den Text „Kaiserwetter“ vom 14. April 2013 eingegeben und es kam als Ergebnis „Uwe Johnson“ heraus.
    Damit kann ich gut leben.
    C.H.

  5. Hallo, diesen Test kenne ich schon lange. Habe ihn natürlich auch gemacht und es kam heraus: Goethe! Da war ich natürlich hoch erfreut. Aber neulich kreierte ich mal ein paar Verse im Ton Rilkes, denn dieser ist mein absoluter Lieblingsdichter, es gibt für mich persönlich keinen besseren.

    Gruß Constanze

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