Deutschland in den 30er und 60er Jahren

Mein sehr verehrter Vater nutzt das noch recht frisch erworbene Pensionärsdasein für viele kleine Dinge des Lebens, die früher keine Zeit fanden: penibler Preisvergleich beim Lebensmittelshoppen, Bespaßen der Töle, Reisen als gäb’s kein Morgen usw. Darüber hinaus hat er sich die alten Fotos, Dias und Negative meines Großvaters vorgenommen, um sie digital zu erfassen. Ein paar der Fundstücke möchte ich, verbunden mit einem familiären Dank, hier veröffentlichen.

Wupper (2)

Die ersten zwei Bilder, beide aus den 60er Jahren, zeigen meine Heimat. Im und am Tal der Wupper liegen südöstlich von Wuppertal die Ortschaften Dahlerau, Dahlhausen, Niederdahl u.a. An der Schleife, die die Wupper hier bildet und die sich auf beiden Fotos andeutet, siedelten sich im 19. Jahrhundert 3 Tuchfabriken an, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Niedergang erlebten. Die Gebäude stehen noch und tragen dazu bei, dass die Gegend heute sehr malerisch daherkommt. Auf Bild 1 gefällt mir besonders der trutzig-knorrige Weidezaun. Allerdings war in Dahlerau nicht immer alles malerische Idylle: Der Bahnhof auf Bild 2 liegt nur etwa 3 km vom Ort des bis 1998 (Eschede) schlimmsten Eisenbahnunglücks in Deutschland. 46 Menschen, darunter 41 Schüler der örtlichen Hauptschule, starben.

Wupper

Das folgende Bild mit dem Blick auf die Kölner Innenstadt vom Deutzer Rheinufer aus stammt aus dem Jahr 1937. Dank der Hotspots Hohenzollernbrücke, Hauptbahnhof, Dom und der Groß-St.-Martin-Kirche unterschiedet sich die Aufnahme gar nicht so sehr von heutigen Bildern mit dieser Perspektive.

28.05.1937_Köln

Blick aus der Rheinseilbahn auf die Kölner Zoobrücke. Interessant: In den ersten Jahren war die Zoobrücke also auch für Fußgänger benutzbar. Das birgt heute gewisse Risiken. Und die Autobahnbrücke muss auf diesem Bild der 60er Jahre noch recht jungfräulich sein. Während die Seilbahn 1957 anlässlich der Bundesgartenschau auf der schäl Sick in Betrieb genommen wurde, um die Buga mit dem Zoo zu verbinden, wurde die Zoobrücke erst 1966 für den Verkehr freigegeben. Wenn man bei dem Film „3 Mann in einem Boot“ von 1961 (Erhardt, Kulenkampff, Giller) genau aufpasst, kann man sehen, wie das aussah, unter der Seilbahn bei fehlender Brücke herzufahren: hier etwa bei 1:10:40 h.

Zoobrücke

Nächstes Bild: Gedankenversunken betrachtet mein Großvater am Godesberger Rheinufer im Juni 1936 das jenseitige Königswinter und den Drachenfels. Ich hoffe sehr, dass es sich bei dem Bötchen auf dem Rhein um Spielzeug und nicht um die damalige Personenschifffahrt handelt.

06.06.1936_Drachenfels

Bild Nummer 6: Nochmals der Rhein. Fotografiert wurde vom nördlichen Stadtrand Remagens, der Blick fällt auf das gegenüberliegende Unkel und den benachbarten Felsen namens „Erpeler Ley„. Am Fuß dieses Felsen sieht man einen der verbliebenen Pfeiler der Brücke von Remagen, die eine Eisenbahnbrücke war. Die Gleise führten übrigens von der Brücke direkt in den Erpeler Ley hinein, um sich dann in einem Tunnelbogen nach Norden der Rheinspur anzuschließen. Gedacht war damals eine Eisenbahnverbindung durch die Eifel in Richtung Saarland und Lothringen, um die dortige Stahlindustrie besser an Deutschland anzubinden. Die Remagener „Ludendorff-Brücke“ war Ausgangspunkt dieser nie fertig gestellten Verbindung, die bei Bad Neuenahr/Ahrweiler aber weitere Attraktionen bietet: Die verbliebenen Pfeiler einer weiteren Brücke sind heute Teil eines Hochseil-Kletterparks und ein weiterer Tunnel diente im 20. Jahrundert als Regierungsbunker für die Bonner Politik und ist heute zu besichtigen.

Remagen

Auf dem folgenden Foto besucht mein Urgroßvater, Jean Nagel, in den 60er Jahren den Nürburgring. Die Burg ist im Hintergrund zu erkennen.

Nürburgring

Und das letzte Bild zeigt Cochem an der Mosel mit Blick auf die Reichsburg Cochem.

Cochem

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Über derclownfisch

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6 Antworten zu Deutschland in den 30er und 60er Jahren

  1. yuppidu schreibt:

    Herr Papa ist gut drauf, würde ich sagen und sollte über einen eigenen Blog nachdenken! Sohnemann verfasst „verdammt“ gute Beiträge … :-)

    • derclownfisch schreibt:

      Danke für das Kompliment, sehr nett! Ja, der Papa gehört noch lange nicht zum alten Eisen (das Physische jetzt mal ein bisschen ausgeklammert… ;o) )

      • yuppidu schreibt:

        Der Geist „besiegt“ die Materie und Ideen überdauern vielleicht sogar die Unendlichkeit … Die Wehwehchen müssen wohl sein, damit wir daran erinnert werden, dass wir noch leben … ;-)

  2. BOWMORE Darkest schreibt:

    Es ist schön alte Bilder zu betrachten. Längst verloren geglaubte Erinnerungen kommen wieder an die gedankliche Oberfläche.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nur ein Teil der Bilder in Alben gesammelt wurden. Einer muss nun diese Sisyphusarbeit übernehmen. Die Arbeit lohnt sich.
    Und noch eines: Bilder in Schwarz-Weiß haben ihren ganz besonderen Reiz.
    C.H.

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  4. Pingback: “Ihr und ich” – Urgroßvaters Liebesgedicht von 1919 | clownfisch unchained

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