„Das tritt… nach meiner Kenntnis… ist das sofort.“

(aus dem alten Blog, überarbeitet)

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass der wichtigste Satz der deutschen Nachkriegshistorie eine grammatische Bruchlandung ist. Günther Schabowski, die Fleisch gewordene Mittelmäßigkeit des DDR-Regimes, verstolperte diesen Satz in der Pressekonferenz vom 9. November 1989 auf die Frage, ab wann denn die neue visafreie Reiseregelung gelte, und öffnete somit verbal die Mauer. Aber zugegeben: Warum sollte er glauben können, was er da liest, wenn jeder andere es auch für unvorstellbar hielt?

Und nicht nur, dass sich ein Deutschlehrer fühlt, als sitze er auf dem Zahnarztstuhl: Die letzten Monate der DDR waren angefüllt mit banalen Politiker-Phrasen, die, dessen ungeachtet, historische Bedeutung gewonnen und weitreichende Wirkung entfaltet haben: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“, „Mr. Gorbatschov, tear down this wall!“ Und auch 2009, anlässlich der 20-Jahr-Feiern zum Mauerfall, mochten weder Merkel im Washingtoner Senat, noch Clinton vor dem Brandenburger Tor auf diesen letzteren Ausspruch Ronald Reagans in ihren Reden verzichten. Dabei hätte vermutlich jeder dahergelaufene Smalltown-Sheriff aus dem mittleren Westen dasselbe gesagt. Glück für Reagan, dass Gorbatschov den Abriss wenig später immerhin nicht verhindert hat. So war der Cowboy-Präsident unverhofft doch prophetisch.

Versinken wir also damals wie heute in einer Welt der Banalitäten? Ja und nein. Es war die Mittelmäßigkeit der DDR-Genossen, die uns auch den Mauerfall geschenkt (nein, nicht beschert) hat. Die Diktatur installierte Horden von Mitläufern in ihrem System, keiner von denen wagte es im Herbst 1989, Schießbefehle zu erteilen. Und das „Okay“ für das Öffnen der Schranken zu geben, trauten die sich alle genauso wenig. Alle wollten lieber abwarten, was der Vorgesetzte sagte. Und der Mann an der Spitze, Erich Mielke, war (Gott sei Dank) zu senil, um zu reagieren. Bei dem reichte es Tage nach dem 9. November in der Volkskammer nur noch zu einem „Ich liebe doch alle Menschen“; ein Satz, der im Grunde noch dreister ist als Ullbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

So kam es, dass die Panzer in Leipzig in den Seitenstraßen stehen blieben. So kam es, dass das diensthabende Grenzpersonal der DDR am 9. November 1989 niemanden erreichte, als es versuchte, telefonisch zu erfragen, was angesichts der Menschenmassen in der Bornholmer Str. oder am Checkpoint Charlie zu tun sei. Danke, Apparatschiks. Ihr habt es erst ermöglicht, dass die am unteren Ende der Befehlskette selbst entschieden. Und angesichts der tiefen und authentischen Emotionen, die ihnen entgegenschlugen, das Richtige taten, nämlich mutig ihre Grenze zu öffnen. Am Ende gilt es wirklich, dem stotternden Schabowski dankbar zu sein. Und dem mutigen „kleinen Mann“ aus dem Volk: Dem Grenzposten, der die Schranke hochklappte, und dem Demonstranten, der vor dem 9. November in den Städten der DDR protestierte; fest eingehakt beim Nebenmann, um die eigene Angst auf viele Schultern zu verteilen und am Mut der anderen ein wenig teilzuhaben.

Nicht dankbar müssen wir allerdings David Hasselhoff sein, der ja ernsthaft glaubt, mit seinem unsäglichen „Looking for freedom“ Maueröffner zu sein. Das passiert wohl, wenn man sich Anabolika ins Hirn spritzt. Dann kann man ja auch mit Autos reden…

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