„Ihr und ich“ – Urgroßvaters Liebesgedicht von 1919

Brief_an_Agnes(1a)

1919 schrieb mein hier schon erwähnter Urgroßvater Jean Nagel ein Liebesgedicht für seine Agnes, die er kurz danach geheiratet hat. Er war auch Maler, hat seine Familie in schwierigen Zeiten, die noch kommen sollten, auch damit über Wasser gehalten. Die Gemälde verkauft oder auch mal gegen anderes eingetauscht. Einige Bilder hängen inzwischen bei mir, nicht alle sind eine Offenbarung für mich, aber ich möchte sie nicht mehr missen.

In dem Gedicht kontrastiert er gekonnt die melancholische, wenig glückliche Seele mit der Liebe zu seiner Angebeteten. Vor allem aus dem zweiten Teil des Gedichtes spricht für mich die Fähigkeit des Künstlers, nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit dem Füller etwas erschaffen zu können. Das Gedicht, aufbewahrt zunächst von der Großmutter, dann von meinem Vater, ist jetzt bei mir gelandet, gerahmt an der Wand, ein schattiger Ehrenplatz. Darüber hängt eins der Gemälde, davor steht ein alter Sessel, der ebenfalls aus dem Haushalt des Urgroßvaters stammt. Dieser Sessel ist sicher Geschmackssache, ich mag ihn vor allem auch, weil ich als kleiner Grundschüler so gern darauf herumgeturnt und -geklettert bin.

Brief_an_Agnes(4a)

1997, fünf Jahre vor ihrem Tod, hat die Oma uns das Gedicht „übersetzt“. Gottseidank, denn mich überfordern sowohl Schriftart als auch die Handschrift des Uropas. Und nochmal Gottseidank, denn so kann ich hier den Text für euch veröffentlichen:

Ihr und ich

Ihr lächelt so glücklich
Ich freue mich dran
Weil ich es selber so selten nur kann
Allzeit zeig ich Euch ein froh Gesicht
Doch wenn ich glücklich bin
Dann lache ich nicht
Ich summe so oft eine Melodie
Und ach wie wenig versteht Ihr sie
Es ist ein Klagen aus kranken Herzen
Es ist Seelenqual, wilde Schmerzen
Aus schluchzender Brust, mein einsam‘ Lied –
Eine Schminke für mein Gemüt

Mich beglücken zweier Augen Glanz
Es erfüllt einer Stimme Klang mich ganz
Und zweier Lippen göttlich Lachen
Die können mich wirklich glücklich machen.

Köln am 24. September 1919
Meiner lieben Agnes –

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5 Antworten zu „Ihr und ich“ – Urgroßvaters Liebesgedicht von 1919

  1. muckikolbeck schreibt:

    von ganzem Herzen… einfach zauberhaft innig schön <3

  2. Wie schön, dass du solche Schätze bewahren darst :-)

  3. YDU schreibt:

    Da hast du dir eine feine Ecke geschaffen, gratuliere! YDu :-)

  4. Gabi schreibt:

    Wunderschön das Gedicht und auch Deine Ecke mit den Erinnerungen.
    LG Gabi

  5. Pingback: Urgroßvater, modern gerahmt. | clownfisch unchained

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