Yolo? – Live as if you’d live twice…

Julia Engelmann macht zurzeit Furore. Ihr Bielefelder Poetry-Slam-Auftritt verzeichnet mittlerweile fast 5 Millionen Klicks, vor ein paar Tagen hat Bild Online über sie berichtet und die Süddeutsche diesen Auftritt zerpflückt, Stern und n24 sind ebenfalls eingestiegen. Der Ruhm des youtube-Clips begann offenbar, als der Blogger Kai Thrun den Clip auf Facebook teilt. Julia ist 21, Psychologiestudentin, theater- und TV-Soap-erfahren.

Ihr Slam rührt an Themen, in denen sich offenbar viele wiederfinden. Auffällig ist, dass das eben auch auf junge Menschen, deren Perspektive sie einnimmt, zutrifft. Sie legt den Finger in die Wunde des Vor-sich-herschiebens, der Faulheit, des Verzagens und des Dinge-lieber-bleiben-lassens. „Prokrastinieren“ hat sich die Twittergemeinde dafür als Lifestyle-Hashtag erwählt. Das Benennen der Symptome mündet in einen Appell: „One day, baby, we’ll be old„, zitiert sie Asaf Avidan. Und deshalb: Seid, wer ihr seid, tut, was ihr tun wollt, you only live once!

Vielen mag der Appell gefallen, mich überzeugt mehr ihr Vortrag selbst, den der SZ-Journalist Fritz Göttler zum Anlass nimmt, die Authentizität von Julias Botschaft in Frage zu stellen. Die Ästhetik des Vortrags, so Göttler, schließt eine Wahrhaftigkeit im Inhalt aus. Das ist natürlich Unsinn, das Gegenteil ist genauso denkbar. Und in der Tat ist Julia sehr stark in der Art und Weise, wie sie vorträgt. Das Lampenfieber, das jeder hat, der eine Bühne betritt, nimmt sie mit in ihren Auftritt und sammelt dadurch Sympathie. Dann singt sie zunächst die Zeile aus „One day“, auf die sie sich bezieht. Gleiche Wirkung. Ihr eigentlicher Slam besticht durch Rhythmus, präzise Worte und Beispiele mit hohem Wiedererkennungseffekt.

Unzufrieden bin ich mit der Botschaft. Ich finde, an Menschen, die ihr Ego ausleben, sich selbst verwirklichen ohne Rücksicht auf andere, fehlt es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht. Ich kenne keine Jugendlichen, die ihren Auslandstrip vor oder nach ihrem Abi zugunsten ihrer Beziehung verworfen haben. Australien, Neuseeland und Kanada gehen vor, das muss die Partnerschaft schon aushalten. Ich kenne auch wenig verheiratete Menschen, die eine Trennung aufgeschoben oder unterlassen haben, um ihren Kindern weiter ein intaktes Elternhaus zu bieten. Das Argument, denen gehe es bei einer Trennung dann ja auch immer besser, hat natürlich immer Vorrang.

Daher gefällt mir ein anderer Slam Julias auch thematisch besser. In „Stille Wasser sind attrakTief“ propagiert sie das „Wir“, nicht das „Ich“. Hier liegt das Glück in der Zweisamkeit, nicht in der selbstverwirklichten Ich-AG. Je suis d’accord, Mlle Engelmann.

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Über derclownfisch

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6 Antworten zu Yolo? – Live as if you’d live twice…

  1. Gabi schreibt:

    Das erste Video kannte ich schon. Vielen Dank für den zweiten Beitrag. Einfach grossartig!
    LG Gabi

  2. kurzundknapp schreibt:

    Schöner Beitrag und auch mir gefällt das zweite Video besser.

  3. YDU schreibt:

    Da staunt der alte Mann,
    was die Jugend so alles kann,
    welche Gedanken sie sich macht,
    das hätte er so nicht gedacht!
    Da staunt der alte Mann,
    dass die Jugend früh begreift,
    früh genug die Initiative schon ergreift,
    nicht erst wartet, bis die Zeit vergangen,
    die Chancen grau und abgehangen …
    Für diesen Beitrag dank ich Dir,
    er ist – wie immer – vom Allerfeinsten!
    YDu :-)

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