Love my selfie

Als vor anderthalb Jahren Schülerinnen der 11. Klasse in Bezug auf ein Unterrichtsthema erklärten, wahre Liebe gebe es sowieso nicht mehr, ist das bei mir hängengeblieben. Vielleicht mit sarkastischen Unterton, aber eben doch als ernsthafte Überzeugung kam das bei mir an. Entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft, in der vermehrt Jugendliche so denken? Die, unter denen sich doch immer besonders viele Idealisten des Themas „Liebe“ befanden? Was führt zu einer solchen eventuellen Entwicklung? Und verbreitet sich dieses Denken erst recht unter den Erwachsenen?

Bis jetzt habe ich mir zwei Erklärungen zurechtgelegt. Grund Nr. 1 ist in meinen Augen die Me-first-Gesellschaft. Geprägt von den gängigen Botschaften à la „Yolo“, „Lebe dein Leben“ etc. trifft man Entscheidungen, die in erster Linie das Ego befriedigen. Nach der Schule geht man ins Ausland; führt man eine Beziehung, muss die das aushalten. Mein bleibt ja auch von Neuseeland aus über das Netz in regem Kontakt. Später verlangt nicht nur die Jobsuche Mobilität, sondern auch der Status. Die Metropolen der Welt sind beliebter denn je und verleihen der eigenen, vielleicht noch unsicheren Persönlichkeit eine Hipster-Aura. „Also ich gehe im Sommer erstmal als Trainee nach New York, mein Süßer ist ja mittlerweile in London eingesetzt.“ Und Kinder? In Deutschland wird das Kinderkriegen laut Statistik gerne hinten angestellt. Oder darauf verzichtet. Oder das Gegenteil: Das Kind wird zum primären Vervollkommnungsprojekt der eigenen Person. Die Liebe, die als Konzept ganz wesentlich darauf basiert, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben, kann da vielleicht zur Einschränkung werden. Und zum Risiko. Und gute Vorbilder findet man mit 20 auch nicht mehr besonders oft. Desillusionierung ist gängig.

Der zweite Grund: die sozialen Netzwerke. Sie können ein Gewinn für die Partnerschaft, die Liebe sein. Sie können da Nähe herstellen, wo man sie sonst nicht hätte. Aber sie bedeuten auch Risiken, Belastung, ein ständiges Auf-die-Probe-stellen der eigenen Beziehung. Denn facebook und Co. sind auch ein 24h-Laufsteg, auf dem man die beste Version von sich präsentiert und dafür Lob, Anerkennung, Likes, Herzchen, Komplimente und manchmal auch mehr haben will. Wer’s im Kopf hat, kehrt die eloquente, originelle Seite von sich hervor. Wer’s anders mag, gibt sich einfühlsam und tiefgründig. Gerade Jugendliche versuchen aber auch, die Optikkarte zu spielen. „Cool und sexy“ regieren dabei – auch bei Erwachsenen – vor „süß und nett“: Das ist mein Gesicht aus nächster Nähe, das meine Lippen. Hier meine bloßen Schultern. Hier bade ich gerade und hier räkele ich mich auf meinem Bett. Ich beim Training. Mein Körper, sorry, zwecks optischer Optimierung leicht gephotoshopped. Bei anonymen Accounts und/oder im vermeintlich geschützten privaten Kommunikationsbereich der Direktnachrichten fallen letzte Hemmungen. Bei 12/13jährigen ebenso wie bei Mutti und Vati. Und die erwünschten Reaktionen sind im world wide web immer zu bekommen.

Wer da eine Partnerschaft führen will, braucht Vertrauen. In großen Mengen. Und nicht nur einmal am Anfang, so als Basis, sondern immer wieder. Nach jedem Streit, an jedem langweiligen Abend. Die Alternative – man schützt sich: Gibt nicht mehr so viel preis, öffnet sich nur teilweise. Liebt nur ein bisschen, ohne zu großes Risiko. Damit einen die Enttäuschung nicht irgendwann mal wieder umhaut.
Oder gar nicht mehr.

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Über derclownfisch

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3 Antworten zu Love my selfie

  1. Da bist du wieder😀
    Es gibt aber auch noch eine andere Tendenz: so viele Pärchen, die seit der frühen Schulzeit fest jahrzenhnte lang zusammen sind, gab es in meiner Generation nicht. Spielt da die Angst eine Rolle?
    Und abhängug vom sozialen Milieu: Teenieschwangerschaften und der Glaube an die wahre
    Liebe -immer wieder aufs Neue – sind nicht selten bei denen, die sich ‚ me first‘ nicht leisten können.

  2. Katrin schreibt:

    Wenn ich diese jungen Mädchen mit ihren Selfies in Facebook sehe, wird mir regelmäßig Angst und Bange. Meine Nichte hatte ihren Account gerade mal 2 Wochen, dann hat mein Bruder die Notbremse gezogen. Gott sei Dank!

  3. YDU schreibt:

    Großartig! YDu :-)

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