Die 10 schrägsten deutschen ESC-Beiträge

Kuriositäten gab es seit 1956 viele, aber eine Liste der schlechten Beiträge wäre wohl noch sehr viel einfacher. Vielleicht ist das hier auch ein bisschen eine Mischung aus beidem.

10. No Angels, Disappear (2008)
Nur sehr selten war es bislang eine gute Idee, abgehalfterte Stars für ein Comeback zum ESC zu schicken (Olsen Bros.). Auch im Falle der No Angels war die Aktion misslungen: Platz 23/25 mit 14 Punkten. Gesanglich bekommen die 4 Nicht-Engel ihr ziemlich schwaches Stück nicht wirklich in den Griff, vor allem beim Chorgesang hapert’s. Inszenierung und Optik des Auftritts sind ebenfalls missglückt. Bedeutungsschwangeres Posen in Diva-Gesten, dazu suboptimale Outfits mit Muttis Schlafzimmervorhängen, die zu Hause noch festhängen. Alles in allem war der Songtitel „Disappear“ Programm…

9. Cindy & Bert, Die Sommermelodie (1974)
Im Abba-Jahr beim Grand Prix Eurovision aufgetreten zu sein, ist natürlich ein böses Schicksal. Die Cindy und der Bert haben allerdings auch zusätzlich ein paar sehr unglückliche Entscheidungen getroffen. Cindys ausladendes Gewand wirkt wie selbstgefärbt beim wöchentlichen Treffen der saarländischen Flower-Power-Fans. Und den Bert in seinem durch und durch grünen Look meint man fast Hü-Hüpf singen zu hören. Wie Flip auf Biene Majas Blümchenwiese. 3 Punkte und der letzte Platz waren die nicht so blumige Ausbeute. Mein persönliches Problem: Als hübscher Schlager war die Nummer gar nicht sooo schlecht. Aber naja: Wenn man sich direkt danach den Waterloo-Auftritt anschaut…

8. Cascada, Glorious (2013)
Okay, beim ESC werden Erfolgsrezepte ja gern mal ein bisschen abgekupfert, aber wie schamlos Cascada hier Loreens „Euphoria“ imitieren, um auf der Punktewelle mitzuschwimmen, das ist dann doch wohl zu vielen in Europa negativ aufgefallen. Trotz guter internationaler Bekanntheit 14 Punkte und Platz 21. Die Kombi aus nachgemacht und trotzdem leblos war fatal.

7. Wind, Träume sind für alle da (1992)
Wind war ja ne echte ESC-Maschine. 2x zweiter Platz in den 80ern. Leider sind nicht alle guten Dinge drei. Diesmal ist es Platz 16 mit 23 Punkten. Das Problem dieses kleinen Schlagers ist nicht die pathetisch arrangierte Musik. Es ist der Text und das Problem beginnt schon beim Titel. Platitüdenalarm hoch drei. (Wobei: Sind Träume nicht immer erstmal nur für den Einzelnen da?) Aber auch sonst: Ein Mädchen, das einen Zug in die Freiheit nehmen will, der Arbeitslose, der ein Phönix aus der Asche wird (ich sehe Conchita milde grinsen). Der Obdachlose, der nur um seine Träume kämpfen soll, die würden dann schon wahr, verkünden uns Wind mit lächelnder Miene. Wir räkeln uns wohlig auf der gemütlichen Couch.

6. Stone & Stone, Verliebt in dich (1995)
Stein und Stein holten 1 Punkt und den letzten Platz. Die Nachthemdperformance verliert sich in einem Festival der knapp verfehlten Töne. Was der Refrain-Chor retten könnte, vermasselt er akustisch noch zusätzlich. Am Ende bleibt ein kackophonisches Wirrwarr. Is ja oft so, wenn man verliebt is. In wen auch immer.

5. Heidi Brühl, Marcel (1963)
Reim dich oder ich fress dich, dachte sich wohl Charly Nießen, der Texter dieses Beitrags von 1963. Er holte sich das schlagererfahrene Everybody’s Darling vom Immenhof, die gute Heidi Brühl, die dann ihre sittsam-brave Botschaft dem Publikum entgegenschleuderte:
„Marceeeeel
kannst du eventueeeell
doch etwas netter saaaain,
dann will ich dir verzeihn!“
Zu loben ist Heidi aber schon: Bei ihr gab’s schon 20 Jahre vor der haarigen Nena sauber rasierte Achselhöhlen.

4. Ulla Wiesner, Paradies, wo bist du? (1965)
Tja, die Ulla. Ein Lied, das nicht weiß, was es werden will, und ein Text, bei dem man den staunenden Mund erstmal wieder zubekommen muss:
„Ein Blick, dann ein Wort,
dann ein Brief, dann ein Du,
dann ein Kuss, dann ein Herz.
Wo bist du, Paradies?“
Tja, in diesen Versen jedenfalls nicht. Dachte sich wohl auch die Ulla und ging sicherheitshalber über in ein „Da dada ta dadada da, dada duya dada, ta dada dada, didi dudi, didi duda didi, dadi day…“

3. Leon, Der blaue Planet (1996)
1996 erlebte Deutschland sein eigenes Waterloo, leider kein schwedisches. Mit Leons „Planet of blue“ qualifizierte man sich nicht für’s Finale. Da war es dann Zeit, schnell die Regelung zu erfinden, dass die großen Finanzgeber des ESC einen festen Startplatz bekommen. Sowas will man dem deutschen Publikum ja nicht nochmal zumuten. Wie unfassbar schlecht allerdings der Beitrag ist, lässt einen auch heute noch staunen. Der Versuch, den poppigen Eurodance-Sound der Zeit zu treffen, geht so daneben, dass ich mir kurz Blümchen zurückwünsche.
Das Ding kommt eigentlich 15 Jahre zu spät: In die Zeit der Neuen Deutschen Welle hätte es noch einigermaßen gepasst („Heute düs ich ab ins All, beam mich hoch mit ’nem großen Knall“). Ihren Höhepunkt findet die Trivialität des Machwerks allerdings im Refrain: „Planet of blue, I love you“. Da hätte Shakespeare sicher wochenlang dran gefeilt…

2. Maxi und Chris Garden, Lied für einen Freund (1988)
1986 musste die 13jährige Sandra Kim noch lügen und sich 2 Jahre älter machen, um dann nicht nur am Grand Prix teilzunehmen, sondern ihn auch zu gewinnen. 2 Jahre später dachte sich Chris Gärtner, och, schleppe ich meine 13jährige Tochter Meike doch einfach mit auf die Bühne. Ich bin ja dabei. Gewonnen haben Mutti und „Young Maxi“ an den Flügeln im Gegensatz zu der belgischen Sandra aber nicht. Es ist durchaus noch ein braves, gefälliges Liedchen, das Siegel da lanciert hat und die beiden Mädels glücklich trällern. Und wenn man sich die Titel anderer Maxi-und-Chris-Garden-„Hits“ anschaut, lässt sich da ja noch viel schlimmeres vermuten: „Frieden für die Teddybärn“, „Jungs sind doof“ und „I like Otto“… Der Song war aber nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Was bei Dschingis Khan und Katja Ebstein mit „Theater“ noch originell war und Pfiff hatte, wirkt hier nur noch durchgeplant und kalkuliert. Und wurde dann auch folgerichtig mit Platz 14 abgestraft. Ein für damalige Verhältnisse wirklich schlechtes deutsches Ergebnis.

1. MeKaDo, Wir geben ’ne Party (1994)
Wie schlecht es um den ESC in den 90ern stand, wird einem bewusst, wenn man realisiert, dass diese kleine Katastrophe von einem Lied 1994 auf Platz 3 gekommen ist. Fesch, keck, knackig und witzig wollen sie daherkommen, die drei Häschen aus dem Siegel-Stall (na gut, Dorkas Kiefer kannte ich schon von irgendwoher). Tatsächlich wirken sie eher programmiert und wenig echt. Der Erfolg der Nummer lässt sich evtl. damit erklären, dass man in Europa den Text nicht verstand. Hier ein paar kommentierte Beispiele:
1. „Mhm, fühl den Rhythmus, Bäby.“ – Nein, fühl ich nicht. Will ich auch gar nicht.
2. „Wo ist ’ne Party, wo ist ’ne Party heut Nacht?“ – Für euch spätpubertäre Schatzis besser nirgendwo.
3. „Fliegt heute jemand mit mir zum Mond?“ – Na, jemand? Irgendjemand? Wer möchte?
4. „Ich will Spaß. Am besten alles und nicht irgendwas.“ – Okay Bäby, keine Kompromisse also. Schoki UND Jungs, richtig?
Am Schluss rappen die Grazien dann auch noch frech drauflos. Da denkt man sich doch, man ist lieber der Mann, der freitags nich kann…

Meine weiteren Texte zum ESC:
Die 10 besten deutschen Beiträge
Die 10 schrägsten Beiträge
10 Tipps, wenn du beim ESC auftreten willst

Über derclownfisch

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