Wehret den Anfängen

Heute stolperte ich über einen Text, der im Internet kursiert, immer wieder weitergeleitet wird. Er hat einen ausländerfeindlichen, nationalistischen Unterton, ist voll von Unterstellungen und Lügen. Trotzdem fallen immer wieder Menschen darauf herein. Texte wie diese sorgen, wenn sie unreflektiert gelesen und geglaubt werden, dafür, dass Deutschland zunehmend antidemokratisch, rechtsradikaler und menschenverachtender wird.
Hier zunächst der penetrante Originaltext im Ganzen auf  Fotos.



Ich habe mir erlaubt, auf die Äußerungen dieses Machwerks einzugehen. Das Original ist in Anführungszeichen, meine Stellungnahmen kursiv. Bei den mit Sternchen versehenen Wörtern handelt es sich um inhaltliche, Rechtschreib- und Kommafehler.

„Nachdem die ‚Zigeunersauce‘ wegen Diskriminierung umbenannt werden soll…“ Zu Beginn wird gleich ein Gerücht platziert, es gibt keine Belege für diese Unterstellung. Aber die Stimmung soll zu Beginn des Briefes gleich mal angeheizt werden, nach dem Motto: „Es gibt ja so viele Beispiele…“ Tatsächlich wurde die „Zigeunersauce“ nie umbenannt, der Zentralrat der Sinti und Roma hat sich sogar ausdrücklich von diesem Anliegen distanziert. Quelle dazu: https://www.focus.de/politik/deutschland/streit-um-umbenennung-zigeunersauce-heisst-trotz-protesten-weiter-zigeunersauce_aid_1124016.html „!!!Bitte Durchlesen*, gerade unsere Moslems etc. hier!!!“ Warum sollen gerade die Muslime diesen Text durchlesen? Noch bevor Argumente oder Fakten kommen, ist dem neutralen und aufmerksamen Leser klar, dass der Hase hier in eine ausländerfeindliche Richtung laufen soll..

„Da hat sich Jemand* was vom Herzen geschrieben. Und Recht hat sie. Das ist der HAMMER!!! (kommt von einer jungen Lehrerin!)“ Der Autor des Kettenbriefes suggeriert hier, dass er nur die Einführung schreibt, alles Weitere aber von einer kompetenten Person komme, die zudem noch weiblich und jung ist. Man soll glauben, dass sich die ausländerfeindliche Haltung bereits durch weite Teile der Gesellschaft zieht und nicht nur aus der rechten Ecke kommt. Nirgends ist allerdings belegt, um wen es sich bei der „jungen Lehrerin“ handelt. Ich gehe davon aus, sie ist erfunden. Dies passt eindeutig in das Gesamtkonzept des Autors.

„Liebe verantwortliche Landes- und Bezirksschulräte und Politiker, liebe Ausländer! Wenn wir nicht mehr ‚Grüß Gott‘ sagen dürfen, gibt es nur eine Alternative:
Ihr habt das RECHT, Deutschland zu verlassen, wenn es euch nicht passt! Schön langsam sollten auch wir in Deutschland wach werden! Zu Schulbeginn wurden in Stuttgarter Schulen,* die Kinder von ihren Klassenvorständen informiert, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hätte. Grüßen, Bitte und Danke sagen, einfach höflich und freundlich sein. Soweit in Ordnung, aber des Weiteren wurde ihnen auch mitgeteilt, dass das uns in Baden Württemberg vertraute ‚Grüß Gott‘ nicht mehr verwendet werden darf, da das die moslemischen Mitschüler beleidigen könnte.“  Eine schnelle Google-Recherche mit den Worten „stuttgarter schulen grüß gott“ ergibt 10 erste Links, die allesamt das Thema zum Fake erklären. Darunter etablierte Medien wie die Welt, der SWR und sogar die Bild: https://www.bild.de/regional/stuttgart/angebliches-gruess-gottverbot-veraergert-15697790.bild.html (Hier wird übrigens klar, warum rechte Schwätzer den Vorwurf der „Lügenpresse“ brauchen – all ihre rechtsextremen Behauptungen sind ja sofort widerlegt, wenn man die seriösen Gegen-Quellen nicht pauschal anzweifelt…)
Auffällig ist auch, dass unter den google-Ergebnissen eine Seite wie „www.nachrichten.de.com“ behauptet, der Bundestag habe das „Grüß Gott“ in Behörden verboten. Ruft man allerdings die Startseite auf, entpuppt sich das „Nachrichten“-Angebot als „Erstell-einen-Witz“-Seite.

„Dazu kann man als Otto Normalbürger eigentlich nichts mehr anfügen und nur mehr den Kopf schütteln. Ich kann’s gar nicht glauben. Ist aber wahr. Ihr könnt Euch gerne in Stuttgart in den Volksschulen* erkundigen.“  Hier suggeriert der Autor die vermeintliche Echtheit seiner Inhalte mit einem billigen Trick: Nur die wenigsten Leser werden umgehend das Telefon in die Hand nehmen und Stuttgarter „Volksschulen“ [veralteter Begriff, „Volksschulen“ gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr] anrufen oder besser noch gleich persönlich abklappern.

„EINWANDERER UND NICHT DIE Deutschen SOLLEN SICH ANPASSEN!“  Der Autor des Kettenbriefs hat bis hierher 9 Worte in GROSSBUCHSTABEN geschrieben und 13x ein Ausrufezeichen verwendet! In der Netiquette – dem Rahmen für höfliches und respektvolles Miteinander im Internet – gilt dies als unangebracht und peinlich (Quelle: https://www.focus.de/finanzen/karriere/management/kommunikation/e-mail-eskapaden-im-schriftbild_aid_268465.html). Dementsprechend nenne ich den rechten Verfasser des Kettenbriefes von nun an „Schreihals“.

„Ich bin es leid, zu erleben, wie diese Nation sich Gedanken macht darüber, ob wir irgendein Individuum oder seine Kultur beleidigen könnten. Die Mehrheit der Deutschen steht patriotisch zu unserem Land. Aber immer und überall hört man Stimmen ‚politisch korrekter‘ Kreise, die befürchten, unser Patriotismus könnte andere beleidigen.
Versteht das bitte nicht falsch, ich bin keineswegs gegen Einwanderung; die meisten kamen nach Deutschland, weil sie sich hier ein besseres Leben erhofften.
Es gibt aber ein paar Dinge, die sich Neuankömmlinge, und offenbar auch hier Geborene, unbedingt hinter die Ohren schreiben sollten.“  Klassische rechtsextreme Rhetorik à la „Ich bin kein Nazi, aber..“ hat nur eins zum Ziel: dass man seine Vorwürfe aussprechen will, dabei aber vorab schon ausschließen möchte, das passende Etikett dafür zu bekommen. Die Antwort ist klar: Doch, lieber Schreihals, Sie sind gegen Einwanderung und gleich werden Sie dafür auch Ihre Argumente präsentieren, die, wie zu befürchten ist, keinen Deut substantieller sind als ihr bisher verfasstes Geschwafel.

„Die Idee von Deutschland als multikultureller Gemeinschaft hat bisher nur eine ziemliche Verwässerung unserer Souveränität und unserer nationalen Identität geführt.“  Nein, Sie und Ihresgleichen beweisen leider das Gegenteil. Mit peinlicher Souveränität betonen Schreihälse wie Sie Ihre nationale Identität, z.B. wenn Sie sie von einem fehlendem „Grüß Gott“ oder Zigeunersauce bedroht sehen.  „Als Deutsche haben wir unsere eigene Kultur, unsere eigene Gesellschaftsordnung, unsere eigene Sprache und unseren eigenen Lebensstil. Diese Kultur hat sich während Jahrhunderten entwickelt aus Kämpfen, Versuchen und Siegen von Millionen Männern und Frauen, die Freiheit suchten.“ Hier wird in perfider Art und Weise ausgeblendet, wozu Deutsche in den letzten 100 Jahren bereit waren, um bsw. ihre Gesellschaftsordnung („Herrenmenschen“) und ihre Kultur („entartete“ Kunst) in der Welt durchzusetzen (ca. 50 Mio. Tote allein im Zweiten Weltkrieg, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges). An dieser Stelle wird das Vorgehen des Schreihalses widerlich, weil er bewusst nationale Töne anschlägt, dabei die Vergangenheit unserer Nation gezielt verharmlost, gleichzeitig die Gefahr durch Einwanderer aber zu dramatisieren versucht.

„Wir sprechen hier Deutsch, nicht Türkisch, Englisch, Spanisch, Libanesisch, Arabisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch, oder irgend eine* andere Sprache. Wenn Sie also Teil unserer Gesellschaft werden wollen, dann lernen Sie gefälligst die Sprache!“ Gegen das Erlernen der deutschen Sprache durch Einwanderer ist sicher nichts einzuwenden. Was das aber mit dem behaupteten Verbot des „Grüß Gotts“ zu tun hat, bleibt offen. Zudem werden die schulischen Lehrpläne sämtlicher Bundesländer mit einer nationalistischen Handbewegung über den Haufen geworfen: Das Erlernen einer modernen Fremdsprache wie Englisch soll offenbar nicht mehr stattfinden im vierten deutschen Fantasiereich des Schreihalses. (Ach nein, angeblich ist es ja eine „junge Lehrerin“, die das fordert…)

„‚Im Namen Gottes‘ ist unser nationales Motto. Das ist nicht irgendein politischer Slogan der rechten Parteien. Wir haben dieses Motto angenommen, weil christliche Männer und Frauen diesen Staat nach christlichen Prinzipien gegründet und entwickelt haben.“  Redewendungen mit dem Wort „Gott“ haben sich in allen Ländern der Welt aufgrund des dort vorherrschenden Glaubens, der Gott, Allah oder Jehova als Wesen beinhaltet, entwickelt. Mit einem „nationalem Motto“ hat das – Gott sei Dank – nichts zu tun.

„Es ist also auch nicht abwegig, dies an den Wänden unserer Schulen mit einem Kreuz zu manifestieren. Wenn Sie sich durch Gott beleidigt fühlen, dann schlage ich vor, Sie wählen einen anderen Ort auf der Welt als Ihren neuen Wohnsitz, denn Gott ist nun mal Teil unserer Kultur.“  Der oben zitierte Bild-Artikel erwähnt ausdrücklich die Feststellung der damaligen baden-württembergischen Staatsrätin Ammicht-Quinn, es hätten sich nie Muslime darüber beschwert, dass im Namen Gottes gegrüßt werde.

„Wenn Sie das Kreuz in der Schule empört, oder wenn Ihnen der christliche Glaube nicht gefällt, dann sollten Sie ernsthaft erwägen, in einen anderen Teil dieses Planeten zu ziehen, er ist groß genug. Wir sind hier glücklich und zufrieden mit unserer Kultur und haben nicht den geringsten Wunsch, uns groß zu verändern und es ist uns auch völlig egal, wie die Dinge dort liefen, wo Sie herkamen.
Dies ist UNSER STAAT, UNSER LAND, und UNSERE LEBENSART, und wir gönnen Ihnen gerne jede Möglichkeit, dies alles und unseren Wohlstand mit uns zu genießen.  Aber wenn Sie nichts anderes tun als reklamieren, stöhnen und schimpfen über unsere Fahne, unser Gelöbnis, unser nationales Motto oder unseren Lebensstil, dann möchte ich Sie ganz dringend ermutigen, von einer anderen, großartigen deutschen Freiheit Gebrauch zu machen, nämlich vom ‚RECHT* UNS ZU VERLASSEN, WENN ES IHNEN NICHT PASST!’“  Hier wird das eigentliche Anliegen des Schreihalses deutlich: Das Beschimpfen von Ausländern. Die Aufzählung hat fast nichts mehr mit dem Thema zu tun, dass sich der Schreihals ursprünglich gegeben hatte. Der Text wird zu einer gegrölten Verallgemeinerung.

„Wenn Sie hier nicht glücklich sind, so wie es ist, dann hauen Sie ab! Wir haben Sie nicht gezwungen, herzukommen. Sie haben uns darum gebeten, hier bleiben zu dürfen. Also akzeptieren Sie gefälligst das Land, das SIE akzeptiert hat.“  Und hier wird es nun vulgär und beleidigend. Worte wie „hauen Sie ab“ oder „gefälligst“ sind herabsetzende Umgangssprache, die einmal mehr deutlich machen, dass hier jemand einfach nur seine xenophobe Grundhaltung verbreiten will. Niedlich ist natürlich das „uns“ in dem Satz  „Sie haben uns darum gebeten, hier bleiben zu dürfen“. Unsere Rechtsextremen glauben offenbar, sie hätten jeder einzeln ihr Einverständnis zu jedem Einwanderer gegeben..

„Eigentlich ganz einfach, wenn Sie darüber nachdenken, oder?“  Mit einer Prise höhnischer Arroganz wird das ausländerfeindliche Pamphlet abgerundet. In dem folgenden Abschluss werden Gleichgesinnte dann noch geschickt gestärkt: Man soll sich bloß nicht auf Diskussionen einlassen, die eigene Meinung ist ja Fakt. „Reklamierer“ seien einfach zu ignorieren. Wer so denkt, hat jede demokratische Grundlage von gesellschaftlichen Diskussionen verlassen. Gut, dass wir keine selbsternannten Patrioten ausweisen, weil sie antidemokratische, menschenverachtende Meinungen vertreten. Wenngleich das Gedankenmodell des bewundernswerten Walter Lübcke – Gott, Allah und Jehova haben ihn selig – sehr sympathisch war.  „Wenn wir dieses Schreiben an unsere Freunde und Bekannten weiterleiten, dann werden es früher oder später auch die Reklamierer in die Finger bekommen. Versuchen könnte man’s wenigstens. Egal, wie oft Ihr es empfangt… sendet es einfach weiter an alle, die Ihr kennt! …“

Die Kettenmail ist eine leicht veränderte „süddeutsch-regionale“ Version einer E-Mail, die in den 2000er Jahren in Österreich kursierte. (Quelle: https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Gruess-Gott-197796.html) 2011 kam sie nach Baden-Württemberg. 2019 kursiert sie immer noch in Whats App-Gruppen und beeinflusst unbescholtene Bürger in ihrer vernünftigen Denkweise und verleitet sie zu rechtsextremen Ansichten. Dagegen müssen wir alle etwas tun. Wehret den Anfängen.

Werbeanzeigen

Über derclownfisch

https://clownfisch.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s